An Hattstedt kommt man nicht vorbei

Schlaglichter aus einem Dorf in Nordfriesland

Die Anfänge Hattstedts reichen weit in die Geschichte zurück. Die dörfliche Gemeinschaft ist aber keineswegs nur von Überkommenem geprägt.

"Hattstedt als Dorf zerfällt eigentlich in zwei Theile, Hohe- und Siede-Hattstedt. Ersterer, als der kleinere Theil erhebt sich auf einem Höhenrücken, ca. 36 Fuß über den größeren, niedriger belegenen Theil; früher wurde dieser noch in 'Lehmkuhl', 'Altendritteltheil' und 'Wiede' eingetheilt, welche Bezeichnung immer mehr im Verschwinden zu sein scheint, ebenso wie der friesische Dialekt, der dem plattdeutschen in absehbarer Zeit wohl zum Opfer fallen dürfte. Siedehattstedt scheint älteren Ursprungs zu sein wie Hohehattstedt [...] Erst seit Erbauung der Kirche, welche in Hohehattstedt liegt, wird dieser Theil des Dorfes wohl entstanden sein. Die gegenwärtige Anzahl, einschließlich der Ausbauer der Feldmark nebst der östlich belegenen Häusergruppe 'Drift', zählt zusammen reichlich 164 Häuser mit 798 Einwohnern."

Als der Hattstedter Chronist Johann Johannsen, wegen seiner journalistischen Aktivitäten Johann "Correspondent" genannt, diese Beschreibung seines Heimatortes 1891 veröffentlichte, hatte er ein beschauliches Bauerndorf am Rande der Geest vor Augen. Allerdings ahnte der Verfasser bereits, daß nicht alles beim alten bleiben würde: Das Friesische ist tatsächlich dem Plattdeutschen bzw. dem Hochdeutschen gewichen, und an die früheren Ortsteile erinnern jetzt nur noch Straßennamen. Was Johann Correspondent nicht voraussehen konnte: Auch wenn Hohe- und Siede-Hattstedt längst zusammengewachsen sind, so ist das Dorf trotzdem heute zweigeteilt. Das Problem trägt den Namen Bundesstraße 5. Wie eine Schneise zerlegt die neben der A 7 zweite große schleswig-holsteinische Nord-Süd-Verbindung - seit Ende 1990 ist die A 23 zwischen Hamburg und Heide durchgehend befahrbar - den Ort in eine westliche und eine östliche Hälfte. Bis zu 20 000 lärm- und abgasproduzierende Autos pro Tag, von Gefahrguttransporten ganz abgesehen, wälzen sich der Schätzung einer Umgehungs-Bürgerinitiative zufolge durch das Dorf.

Hattstedt ist die erste Ortschaft hinter Hamburg, die mangels einer Umgehung durchfahren wird. Hier besteht erstmals seit der Hansestadt die Möglichkeit, unmittelbar an der Strecke zu tanken. Zwar existieren im Zuge der Ortsdurchfahrt bereits zwei Fußgängerampeln, aber eine dritte am Nordausgang des Dorfes wäre dringend notwendig. Wer einmal versucht hat, an dieser Stelle die Straße zur Hauptverkehrszeit beispielsweise vom Kaufmann zum Schlachter oder umgekehrt zu überqueren, weiß, wovon die Rede ist. Nicht zuletzt ist die Kreuzung dort ein Unfallschwerpunkt, wie die vielen Stecknadeln auf der Straßenkarte in der örtlichen Polizeistation beweisen. Bisher hat sich die Verkehrsaufsicht nicht erweichen lassen, dem Drängen der Kommune um eine weitere Ampel nachzugeben.

Überlegungen zu einer Verlegung der Bundesstraße aus dem Ort heraus sind nicht neu. Von 1969 stammt der Plan, die B 5 bis an die dänische Grenze auszubauen, und 1973 stimmte das Land einer "großen" Umgehung Husum-Bredstedt zu. Daß Husum heute seine Umgehung hat und Hattstedt nicht, ergab sich aus regionalen Widerständen: 1979 meldeten der Kreis Nordfriesland und das Amt Bredstedt-Land Bedenken gegen die Linienführung an. Anfang der 80er Jahre schlief das Projekt ein, nachdem letztlich die betroffenen Gemeinden Hattstedt, Almdorf, Bohmstedt und Dreisdorf sich nicht über die Trasse verständigen konnten. So kam es, daß die seit 1991 durchgehend befahrbare Husumer Ortsumgehung bei Horstedt in einer unfallträchtigen 90-Grad-Kurve endet.

1989 gründete sich in Hattstedt die "Bürgerinitiative Ortsumgehung". Sie erreichte, daß von hier Impulse zur Wiederaufnahme der Umgehungspläne ausgingen. Noch im gleichen Jahr erhielten die Initiative und die politische Gemeinde nach einem Besuch in Kiel von dort die Zusage, daß das Land einem Weiterbau der neuen Bundesstraße 5 grundsätzlich positiv gegenüberstehe. 1990 teilte der Kreis Nordfriesland der Landesregierung mit, daß alle Anliegergemeinden nördlich von Hattstedt eine Verlegung „ihrer" Bundesstraße wünschten.

Die vom Straßenbauamt Heide veranlaßte zweijährige Umweltverträglichkeitsprüfung sah Ende 1993 fünf verschiedene Trassenvorschläge durch die Marschlandschaft zwischen Hattstedt und Struckum vor. Die Kommunen Hattstedtermarsch, Almdorf, Breklum, Struckum, Bredstedt und natürlich Hattstedt stehen seitdem im Gespräch und sind anscheinend willens, sich auf eine Linienführung zu einigen. Eine Hattstedter Ortsumgehung ist damit zwar noch nicht in greifbare Nähe gerückt, aber immerhin im ersten Jahrzehnt des kommenden Jahrtausends realisierbar. Vertreter der Bürgerinitiative beklagen allerdings schon seit längerem, daß das ganze Planungsverfahren viel zu schleppend ablaufe.

Die vorgeschlagenen Trassen um das Dorf herum bringen allerdings neue Probleme mit sich: Bewohner des nördlichen Hattstedt beispielsweise befürchten, daß der geplante Schwenk Siedlungsgebiete durchschneiden könnte. Auf der anderen Seite haben Landwirte aus Hattstedt bzw. der Hattstedtermarsch Sorge, daß die Wahl auf eine Route fällt, die ihnen den Zugang zu ihren Feldern abschneidet. Sie machen sich für eine Verlegung der Ortsumgehung nach Norden über den Lagedeich stark, weil diese Streckenführung gewachsene Strukturen nicht gefährde.

Bereits im Juli 1992 hatte der Bund das Projekt im Bedarfsplan für Bundesfernstraßen verankert. Demnach schlägt eine nach 2001 gebaute Umgehung Hattstedt-Bredstedt mit folgenden Beträgen zu Buche: Ortsumgehung Hattstedt elf Millionen Mark, Breklum-Struckum 15 Millionen und Ortsumgehung Bredstedt 16,1 Millionen Mark.

Wer allerdings glaubte, die Voruntersuchungen seien mit dem Umweltgutachten abgeschlossen, der irrte. Im Mai dieses Jahres wurde eine Nachricht verbreitet, die nach Ansicht des Hattstedter Bürgermeisters Jens Kiesbye eine Entscheidung über die endgültige Linienführung um rund zwei Jahre verzögern wird: Auf Drängen des Naturschutzbundes Schleswig-Holstein veranlaßte das Land, daß als sechste Variante eine Trasse über den Geestrand auf ihre Umweltverträglichkeit hin untersucht wird. Welche Folgen diese Entscheidung für das gesamte Umgehungsprojekt haben wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht absehbar. Nicht ganz ohne Sorgen schaut mancher hiesige Wirtschaftsbetrieb den Bemühungen um eine Ortsumgehung zu. Denn von den durchfahrenden Feriengästen möchten nicht nur die beiden Tankstellen profitieren.

Kultur- und Vereinsleben

Die Gemeinde Hattstedt hat so manches an Freizeitgestaltung anzubieten. Das "Dörpshuus" beherbergt sowohl den Altenkreis als auch den Jugendtreff; die Gemeinde verfügt über mehrere Gaststätten; zwei Galerien und eine Künstlerwerkstatt befinden sich an der Bundesstraße 5, und im Osten Hattstedts, auf dem Mühlenberg, liegt das dänische "Kunst- und Kricketcenter Mikkelberg", eine gelungene Mischung aus Sportanlage und Galerie.

Zum vielschichtigen Veranstaltungsangebot der evangelische Kirchengemeinde gehören unter anderem Konzerte in der Marienkirche. Die Kirche beweist zudem, daß die Welt an der Dorfgrenze noch lange nicht zu Ende ist: Sie unterhält seit Anfang 1992 eine Partnerschaft mit der Gemeinde Pühajoe in Estland. A propos Kirchengemeinde: Der schon von weitem erkennbare Turm der Marienkirche ist trotz aller Konkurrenz durch die in den letzten Jahren stark vermehrten "Windspargel" immer noch ein charakteristisches Wahrzeichen der Landschaft zwischen Husum und Bredstedt. Um 1200 errichtet und später erweitert, ist der spätromanische Backsteinbau mit seinem spätgotischen Westturm einer der ältesten der Südergoesharde und zugleich einer der stattlichsten des Mittelalters. Die bemerkenswerte Innenausstattung - unter anderem eine prachtvolle Knorpelbarock-Kanzel von 1641 aus der Werkstatt des Brüggemann-Schülers Claus Heim, die das Landesamt für Denkmalpflege als "bedeutsames Zeugnis des Hochbarock im Lande" einstuft - dokumentiert, wie wohlhabend in alter Zeit viele Bewohner des Kirchspiels waren.

Sehr lebhaft ist auch das Hattstedter Vereinsleben. 24 Zusammenschlüsse tummeln sich am Ort. Allen voran steht der Sportverein TSV Hattstedt mit über 700 Mitgliedern. Wie so viele Hattstedter Einrichtungen versorgt er das Umland mit. Der Hattstedter Spielmannszug hat sich weit über die Grenzen seines Heimatortes eine musikalische Reputation erworben. Seine Verbindungen reichen bis nach Ungarn.

Aber nicht alle hiesigen Vereine dienen der Freizeitpflege. Beispielsweise haben sich auch die Vermieterinnen und Vermieter auf diese Weise organisiert. Daß der Tourismus ein keinesfalls unbedeutendes Gewerbe darstellt, läßt sich an einer Zahl ablesen: Dem Fremdenverkehrsverein Hattstedt und Umgebung gehörten zum Jahresanfang 1995 knapp 130 Aktive an. Angesichts starker Konkurrenz, unter anderem aus dem aufstrebenden Mecklenburger Raum, macht sich der Vereinsvorstand für eine Ausweitung des Urlaubsangebots in der Gemeinde stark. Man will durch intensive Werbung den "Ferienstandort Hattstedt" zumindest in seinem bisherigen Umfang erhalten.

Strukturprobleme

Als Dachverband der Wirtschaft fungiert der Handels- und Gewerbeverein (HGV) Amt Hattstedt. 1986 gegründet als örtlicher Verein, beschloß die Mitgliederversammlung 1992 eine Satzungsänderung, um den Wirkungskreis auf das gesamte Amtsgebiet auszudehnen. Diese Entscheidung fiel vor dem Hintergrund, daß man sich rechtzeitig gegen den inzwischen fertiggestellten Großverbrauchermarkt im Husumer Gewerbegebiet zu wappnen habe. Alle zwei Jahre, zuletzt im zurückliegenden September, veranstaltet der Handels- und Gewerbeverein einen Herbstmarkt, auf dem Mitgliedsunternehmen ihre Angebotspalette präsentieren. Diese zweitägige Messe, so HGV-Vorsitzender Dieter Neumann, soll angesichts der Konkurrenz auf der grünen Wiese der Verbraucherschaft demonstrieren, daß in ihrer Nähe leistungsfähige Einzelbetriebe existieren.

Noch darf sich die Hattstedter Jens-Iwersen-Schule als Grund- und Hauptschule bezeichnen. Das "noch" bezieht sich auf die Planung des Landes, dem Hauptschulteil 1996 unter bestimmten Voraussetzungen den Garaus machen zu wollen; nämlich dann, wenn die Schülerzahlen nicht mehr der gesetzlichen Vorgabe entsprechen sollten.

In diese Richtung weist auch eindeutig ein Schreiben aus dem Kieler Bildungsministerium, das kürzlich Hattstedt erreichte. Man geht dort von einer sehr ungünstigen Entwicklung der Kinderzahlen aus. Damit ist nicht nur der Hauptschulstandort in Frage gestellt, sondern es wird auch für die Grundschule der Verlust der Zweizügigkeit bis 2004 vorausgesagt. Der Schulverband brauche außerdem nicht damit zu rechnen, so heißt es weiter, nach dem Wegfall der Vorschule etwa einen Schulkindergarten als Erweiterung des gemeindlichen Kindergartens zu bekommen. Im Gegenteil: Der Schulträger solle schon jetzt die anderweitige Nutzung überschüssiger Räume einplanen. Sowohl die Eltern als auch Kommunalpolitikerinnen und -politiker sind von dieser Entwicklung nicht sonderlich angetan. Es steht mit dem Schicksal des Hauptschulteils auch ein Stück dörflichen Lebens zur Disposition. Alternativ würden die Jugendlichen fortan in die Kreisstadt fahren. Dort ist zwar das schulische Bildungsangebot ein wenig größer, andererseits schlagen aber die zusätzlichen Fahrzeiten negativ zu Buche. Zudem verlöre Hattstedt eben ein Stück seiner "Kulturhoheit".

Der Namensgeber der Grund- und Hauptschule, Prof. Dr. Jens Iwersen (1893-1954), darf ohne Einschränkung als ein großer Sohn Hattstedts bezeichnet werden. Er wirkte nicht nur in seinem geliebten Heimatort, sondern in halb Schleswig-Holstein. Jens Iwersen galt als einer der bedeutendsten Experten für Landeskultur und -entwicklung. Eine schwere Verletzung - Iwersen verlor im Ersten Weltkrieg die linke Hand - verwies den Bauernsohn auf die theoretische Landwirtschaft. Eine steile Karriere führte ihn schließlich nach Kiel in die landwirtschaftliche Verwaltung und an die Universität, wo er Kulturtechnik lehrte. Bis zu seinem Tode im Jahr 1954 erwarb Iwersen sich Meriten in den Bereichen Landgewinnung, Bodenverbesserung, Bodenkartierung und Großraumplanung. Gedenksteine in Hattstedt, Joldelund und Gudendorf (Kreis Dithmarschen) bezeugen sein erfolgreiches Wirken. Auch um das dörfliche Leben seines Geburts- und Wohnortes hat Professor Iwersen sich in vielfältiger Weise verdient gemacht, unter anderem als Heimatforscher. Die Taufe des von ihm geförderten Schulneubaus auf seinen Namen erlebte Jens Iwersen nicht mehr.

Im Hattstedt von heute wohnen rund zweitausend Menschen. Die Dorfbewohner üben alle möglichen Berufe aus, aber nur in den seltensten Fällen den eines Landwirts. Gerade noch zwölf Vollerwerbsbetriebe gab es Anfang 1995 in der Gemeinde. Längst sind die Bauern in die Minderheit geraten in einem Ort, der in den letzten Jahren zahlreiche neue Baugebiete ausgewiesen hat. Der frühere Leitende Verwaltungsbeamte des Amtes Hattstedt, Hans-Reimer Otto, hielt bereits 1989 fest, daß es 1970 noch 68 in der Landwirtschaft Tätige in Hattstedt gab, im Mai 1987 waren es nur noch 27, die Tendenz blieb weiter rückläufig.

Zu seinen Zeiten als reines Bauerndorf besaß Hattstedt zwar schon einige Handwerks- und Gewerbebetriebe, diese aber dienten vornehmlich der Eigenversorgung der Ortsbewohner. Eine Ausnahme bildete allerdings die 1921 gegründete Holzschuhfabrik der Gebrüder Hansen. Nach einer wechselvollen Geschichte - zum Schluß hatte sich die Fabrik ganz auf Betonfertigwaren spezialisiert - stellte das Unternehmen 1986 seine Produktion ein.

Die schwierige Situation der Landwirtschaft und das nachfolgende "Bauernsterben" ließen potentielles Bauland freiwerden. Die ausgesprochen gute Lage bei gleichzeitiger Nähe zur Kreisstadt Husum brachte der Gemeinde zahlreiche Neubürger ein, so daß der Ort mit dem markanten Kirchturm sich, um nochmals Amtsleiter Otto zu zitieren, von einem stillen Dorf bäuerlicher Prägung zu einem Zentralort mit zahlreichen Gewerbebetrieben gemausert hat. Mit "Zentralort" meint Otto allerdings nicht den offiziellen Status Hattstedts in der Regionalplanung, sondern er verwendet diesen Ausdruck, um die wahre Funktion des Ortes mit seinen überörtlich genutzten Einrichtungen zu beschreiben.

Nicht nur Urlauber, sondern auch Einheimische profitieren von den 31 richtigen" und schätzungsweise über 20 nebenberuflichen Gewerbebetrieben am Ort, Stand Ende 1994. Es ist vielfach nicht notwendig, zum Einkaufen ins sechs Kilometer entfernte Husum zu fahren, denn die Bevölkerung kann nicht nur auf zwei Kaufleute zurückgreifen, sondern beispielsweise auch auf ein umfassendes Dienstleistungsangebot und auf Fachgeschäfte für den Haushalts- und Konsumartikelbedarf. Außerdem ist die medizinische Grundversorgung voll abgedeckt

Hattstedt ist ein expandierendes Dorf. Aber wie lange noch? Das Gewerbegebiet am Lehmkuhlenweg hat sich nach und nach mit Neuansiedlungen gefüllt. Und die Erschließung weiterer Baugebiete zu Wohnzwecken ist auch nicht mehr so einfach wie früher. Der Gesetzgeber verlangt Ausgleichsflächen, und die Kläranlage muß die zusätzlichen Schmutzfrachten auch bewältigen können. Ohnehin weht in der Hattstedter Kommunalpolitik gerade in Bebauungsfragen ein rauherer Wind als früher. Mit der Forderung angetreten, Hattstedt in Zukunft nur "sinnig" wachsen zu lassen, steigerte die Wählergemenschaft die Zahl ihrer Mandate bei der Kommunalwahl 1994 von zwei auf vier. Aber nicht nur in der Gemeindevertretung wird über Tempo und Umfang der weiteren Bebauung kontrovers diskutiert. Auch innerhalb der Bevölkerung mehren sich kritische Stimmen, die den Erhalt eines dörflichen Ortsbildes fordern. Für die politischen Gremien gibt es deshalb einiges zu tun, um die unterschiedlichen Auffassungen unter einen Hut zu bekommen und in eine ausgewogene Dorfentwicklung münden zu lassen.

Abschließend ein kurzer Blick in die Historie. Albert Panten, der bekannte nordfriesische Heimatforscher, legt den Ursprung von Hattstedt in die Zeit vor der Völkerwanderung, das heißt etwa ins fünfte Jahrhundert. Während die Nachsilbe "-stedt" einen bebauten Ort bezeichnet, entspricht die Vorsilbe "Hatt-", Panten zufolge "einem althochdeutschen Mannernamen Hatto bzw. der alt-dänischen Form Hatti, allerdings kann auch ein beiden Varianten zugrundeliegender Appellativ Hatt (= Hut) zur Erklärung benutzt werden, was dann auf die topographische Form der Landschaft zu beziehen ist". In der Tat liegt der Ort auf einer Höhe, die möglicherweise an einen Hut erinnert, insbesondere von Westen, von der Marsch aus gesehen. "Eine spätere Zeit hat dann", so Panten weiter, "verschiedene Deutungen überliefert, die beide Aspekte verkörpern, einerseits die Erzählung von Hatto, dem reichen Bauern, bzw. die über die Hüte der Hattstedter Frauen, wie auch das alte Siegel der Hattstedter Harde eine solche 'Hatte' aufwies". Zum erstenmal urkundlich erwähnt wurde Hattstedt 1231 im Erdbuch von König Waldemar II als "Hattastadh". Nach 1500 entwickelte sich das eingangs geschilderte Ortsbild, das bis in das 19 Jahrhundert hinein bestehen sollte. Auf einer Karte von 1805 sind gut der südliche ("Hoge Hattstedt") und der nördliche Ortsteil ("Siede Hattstedt") zu erkennen

Der "Ferienort Hattstedt" - wie er sich selbst auf zwei wuchtigen Skulpturen des Hattstedter Künstlers Ulrich Skrodzki an der Bundesstraße nennt - ist ein Dorf mit außerordentlich hoher Wohnqualitat, auch wenn er nicht mehr so ausschaut wie vor 30 Jahren. Eine passable Infrastruktur, viel Grün, eine reizvolle Lage und ein schönes Umland, gleichermaßen geprägt von der Marsch und von der Geest, sind echte Pluspunkte. Hattstedt ist zwar ein Dorf, aber eben kein "Kuhdorf". Diesen besonderen Reiz zu erhalten, ist für seine Bürgerinnen und Bürger und deren Vertretung - welcher politischen Couleur auch immer - eine zwar schwierige, aber zugleich lohnenswerte Zukunftsaufgabe.



Literatur:

Hattstedt - Unser Dorf Herausgegeben vom Arbeitskreis Chronik. Chronikheft 1. Hattstedt 1989, Chronikheft 2. Hattstedt 1993

Johann Johannsen Nachrichten vom Kirchspiel Hattstedt. Husum 1891

Georg Dehio Handbuch der Deutschen Kunstdenkmaler. Hamburg - Schleswig-Holstein. Berlin 1994

Landesamt für Denkmalpflege Schleswig Holstein und Amt für Denkmalpflege der Hansestadt Lübeck, Kunsttopographie Schleswig Holstein. Neumünster 1989



Holger Sethe

Zuerst erschienen in: Nordfriesland, Nr. 112, Dezember 1995

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