Ein vergessenes Kapitel nordfriesischer Wirtschaftsgeschichte

Hattstedt — einst ein bedeutender Industrie-Standort

Holzschuhe und Beton für ganz Schleswig-Holstein

Hattstedt. - Schon lange liegen die Zeiten zurück, daß das Dorf Hattstedt am Rand der Schleswig‘schen Geest fast ausschließlich bäuerlich geprägt war. Sechs Kilometer nördlich der nordfriesischen Kreisstadt Husum gelegen, hat sich die Bevölkerungstruktur des Ortes seit den 60er Jahren entschieden gewandelt. Viele Menschen, die in der Kreisstadt arbeiten, haben sich hier angesiedelt. Zahlreiche Gewerbebetriebe haben hier in den vergangenen Jahren Einzug gehalten, um die auf 2000 Köpfe angewachsene Bevölkerung Hattstedts, aber auch das Umland mit Waren und Dienstleistungen zu versorgen.

Schon fast vergessen ist heute, daß über sechs Jahrzehnte lang in Hattstedt ein bedeutendes Unternehmen seinen Sitz hatte, dessen Produkte in ganz Schleswig-Holstein und auch Hamburg Abnehmer fand. Es handelte um die frühere Holzschuh- und spätere Betonfabrik der Gebrüder Hansen, die nach ihrer Gründung im Jahr 1921 ein umfangreiches Kapitel nordfriesischer, aber vielleicht auch schleswig-holsteinischer Wirtschaftsgeschichte mitgeschrieben hat.

Allerdings beginnt der Werdegang des Hattstedter Betonwerks im Grunde genommen bereits 1907. In diesem Jahr verwirklichte der Maurermeister August Peek aus Husum seine Idee, in der Geestrandgemeinde eine Kalksandsteinfabrik zu errichten. Um die „Hartsteinwerke Husum-Hattstedt GmbH“ zu gründen, hatte Bauunternehmer Peek sich mit zwei Gesellschaftern zusammengetan, nämlich dem Schmied und späteren Betriebsleiter Karl Rammelsberg und dem Ofensetzer Heinrich Piepgras. Beide stammten ebenfalls aus Husum.

Verschiedene Grundstücke wurden in Hattstedt angekauft. Das Gelände für das Hauptgebäude nebst Produktionsstätte und Unterkünften für die Arbeiter – sie kamen aus dem Raum Lippe –, lag südlich des Hattstedter Bahnhofs. Ferner gehörte zum Werksgelände ein Teil des Mühlenbergs, dessen Sandvorräte ausgebeutet wurden. Beide Areale waren durch eine Gleiszufahrt entlang des Bahndamms verbunden.

Gegenüber der heutigen Gastwirtschaft Clausen (nicht die DEA-Tankstelle) an der Bundesstraße 5 lagerten die produzierten Steine, die mit einer pferdebespannten Lore von der Fabrik hierher geholt wurden. Das Werk wurde wahrscheinlich 1914 stillgelegt. Die Gründe, die zur Schließung führten, sind nicht genau bekannt — entweder waren die Sandvorräte erschöpft oder das Material war nicht mehr für die Hartsteinproduktion geeignet.

Während der Hungers- und Notzeiten des ersten Weltkriegs wurde in der verwaisten Fabrik Dörrgemüse produziert. Es soll ein Hamburger Kaufmann gewesen sein, der die umgangssprachlich als „Drahtverhau“ bezeichneten Nahrungsmittel für die Frontsoldaten erzeugte. Es handelte sich um ein Gemisch aus Rüben, Wurzeln und Kohl. Alteingesessene Hattstedter wissen zu berichten, daß sie als Jungen in die Fabrik eingestiegen sind und Trockengemüse entwendet haben. Noch bis 1919 soll dort Gemüse gedörrt worden sein.

August Peek verkaufte nach und nach seine Immobilien. Dies sollte die Geburtsstunde eines Industriebetriebs werden, der sich später zu einem der bedeutensten in dieser Region entwickeln sollte. Der Husumer Holzschuhmacher Johannes Matthias Hansen nutzte die Gelegenheit, den Sprung in die Selbständigkeit zu vollziehen. Er tat sich mit seinen beiden Brüdern Jens und Friedrich Hansen aus Hattstedter Nachbarort Wobbenbüll zusammen. Unter Johannes' Federführung – er allein hatte die Holzschuhmacherei erlernt – erwarben das Trio die Produktionsstätte am Bahnhof, um dort eine Fabrik zur Herstellung von Holzsohlen zu begründen. Inmitten der schwierigen Inflationszeit schaften die Brüder Maschinen an, nahmen Umbauten vor, und richteten sich und ihren Familien Wohnungen im Fabrikgebäude ein.

1921 erschien im „Husumer Wochenblatt“ ein Inserat, in dem angezeigt wurde, daß „wir mit dem heutigen Tage in Hattstedt bei Husum eine Kappschuhfabrik u. Sägewerk“ eröffnet haben. Die notwendigen Facharbeitskräfte hatte man überwiegend aus Husumer Holzschuhbetrieben abgeworben. Friedrich Hansen schied bereits 1924 wieder aus; sein Bruder Jens sollte ihm in den 1934 folgen. Unterdessen florierte das Unternehmen.

Der geschäftstüchtige Johannes erweiterte Mitte der zwanziger Jahre den Betrieb um einen neuen Zweig. Zu der Sohlenproduktion gesellten sich fertige Holzschuhe, außerdem entstand eine umfangreiche Holzsägerei nebst Lohnschnitt.

Was war nun das Besondere an der Holzschuhproduktion in Hattstedt? Es wurden in großem Umfang Holzsohlen zur Weiterverarbeitung wie auch komplette Schuhe gefertigt. Geliefert wurde von Flensburg bis Hamburg, von Föhr bis Preetz, der Hochburg schleswig-holsteinischen Holzschuhmacherhandwerks. So erhielten beispielsweise die Firmen Dahlmeier in Beringstedt, Hamann in Preetz, Hartz in Harburg-Wilhelmsburg und Harder in Hamburg-Altona Holzsohlen aus der Hattstedter Fabrik. Nach 1930 gliederte Johannes Hansen seinem Unternehmen eine Baustoffhandlung an. Außer Stellmacher- und Tischlerholz kamen Dachpappe, Ziegel- und Kalksteine in das Angebotssortiment.

Seit 1936 betrieb Johannes M. Hansen zudem einen Großhandel mit Gummistiefeln. Er trug damit dem Umstand Rechnung, daß der Absatz für Holzschuhe rückläufig war. Der Gummistiefel eroberte nach und nach die Landwirtschaft, weil er sich im Stall oder hinter dem Pflug als praktisches Schuhwerk erwies. Diese Entwicklung wurde nur durch den Zweiten Weltkrieg unterbrochen, als die Holzschuhproduktion plötzlich als kriegswichtig galt. Denn die Gummistiefel gingen fortan nicht mehr in die Landwirtschaft, sondern wurden zu Kriegsmaterial. Weil nach Kriegsende wieder Gummi zur Verfügung stand, erweiterte das Unternehmen seine Produktpalette um filz- und gummibesohlte Haus- und Turnschuhe. Diese Abteilung richtete Johannes Hermann Hansen, der älteste Sohn des Fabrikbesitzers, ein. Dieser Produktionszweig konnte sich jedoch nicht halten, weil Kapitalmangel, Währungsreform und verändertes Verbraucherverhalten eine Umorientierung verlangten. Zudem zwang eine schwere Kriegsverletzung den jungen Holzschuhmachermeister, aus dem väterlichen Betrieb auszuscheiden.

Die wirtschaftliche Lage des Unternehmens verlangte nach neuen Ideen. Anfang der fünfziger Jahre begann Georg August Hansen – Johannes Hansens jüngerer Sohn – Betonfertigwaren zu produzieren. In seiner Geschäftstüchtigkeit dem Vater ebenbürtig, leitete Georg A. Hansen nach 1959, dem Jahr, als er die väterliche Fabrik übernahm, den systematischen Aufbau des neuen Betriebszweiges in die Wege. Die Zeit der Holzschuhe war endgültig vorbei. Binnen kurzer Zeit erholte sich das Unternehmen, expandierte und entwickelte sich zu einem ernsthaften Konkurrenten auf dem Betonmarkt.

Als ihm die Hattstedter Gemeindevertretung die weitere Ausdehnung seiner Fabrik untersagte, gründete Georg Hansen ein weiteres Betonwerk im schleswigschen Mielberg bei Jagel. Es nahm 1970 seinen Betrieb auf. Die Betonproduktion hatte angesichts des Autobahnbaus und der Olympischen Wasserspiele 1972 in Kiel-Schilksee Hochkonjunktur. Im olympischen Jahr tat sich Georg Hansen mit seinen Konkurrenten Schröder, Siemsen und Thaysen zusammen. Von nun an hieß die Fabrik „Gebr. Hansen GmbH und Co. KG“. Drei Jahre später verließ Hansen das Unternehmen.

Die 1974 einsetzende wirtschaftliche Rezession setzte auch dem Hattstedter Werk kräftig zu. Ein Umzug in das Hattstedter Gewerbegebiet, der um 1980 die unternehmerische Situation verbessert hätte, scheiterte ebenso wie die Ansiedlung im Husumer Industriegebiet. Da es für die Firmeninhaber unwirtschaftlich war, beide Fabriken zu automatisieren, gab man dem modernen Werk in Mielberg den Vorzug. Betriebsleiter Gerd Feddersen wechselte Mitte 1986 von Hattstedt an seine neue Arbeitsstätte. Zum Jahresende stellte das hiesige Betonwerk seine Produktion ein. Zwar diente das Areal noch einige Zeit als Lagerstätte, aber ein bedeutendes Kapitel hiesiger Wirtschaftsgeschichte hatte sich nach acht Jahrzehnten endgültig geschlossen.

Das weitere Schicksal der Fabrik ist schnell erzählt. 1992 erwarb die Gemeinde Hattstedt das Areal, um es zu sanieren und in ein Baugebiet umzuwandeln. Nicht alle Altanlagen wurden abgerissen. Einige Gebäude werden auch weiterhin für wirtschaftliche Zwecke genutzt. Dem übrigen, weitaus größten Teil des Geländes ist heute nicht mehr anzumerken, daß dort einstmals ein bedeutender Industriebetrieb ansässig war. Er ist inzwischen komplett überbaut: Heute prägen neue Einfamilienhäuser inmitten ihrer Gärten, das Bild. Das Haupt- und Wohngebäude der ehemaligen Holzschuhfabrik wurde in der vorletzten Septemberwoche 1999 abgerissen. An der Stelle werden heute Holzhäuser verkauft. Nur der alte Walnußbaum steht noch da.

Seit dem 5. Juli 2003 wird die ehemalige Holzschuhfabrik auch im Landesmuseum Schleswig, Abt. Volkskunde in der Dauerausstellung "Land zwischen den Meeren" in einer Halbvitrine angemessen gewürdigt. Vor der Vitrine ist Johannes Hermann Hansen, der Sohn des Firmengründers, inzwischen 89 Jahre alt, zu sehen.

© Fotos und Text: Hans-Jürgen Hansen und Holger Sethe - (Erstellt am 16.07.2003)

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