Die meisten Gäste kennen von Sylt nicht mehr als die Friedrichstraße, die Kurpromenade, Gosch und Sansibar. Wer den Trubel sucht ist dort genau richtig. Die Insel hat aber auch ganz wunderschöne Ecken und für denjenigen, der die Natur liebt, stellt das Lister Naturschutzgebiet im äußersten Norden der Insel eines der größten Abenteuer dar.

Am besten beginnt die rund 20 Kilometer lange Wanderung an der Busstation Westerheide. Durch eine weite, einsame Heidelandschaft geht es von dort aus zum Weststrand. Vorher sollte der Tidekalender gut studiert werden, um die Tour bei ablaufendem Wasser zu planen, um auf dem festen Sand besser voranzukommen. Ausreichender Proviant sollte mitgebracht werden, denn dort oben, an der nördlichsten Spitze der Insel und von ganz Deutschland, gibt es nichts, wo eingekehrt werden könnte. Das Handy kann auch vergessen werden, denn das deutsche Mobilfunknetz reicht nicht bis dorthin. Aber wozu wird ein Handy gebraucht, wenn der Kopf klarwerden soll und alle Sinne auf die Natur eingestellt sind.
Seit Jahrhunderten gibt es im Listland und auf dem Ellenbogen nichts als Sand, Heide, Dünen und Schafe. Vor Jahrzehnten diente das Gebiet der Bundeswehr als Übungsgelände. Zum Glück gehört diese Zeit der Vergangenheit an, heute treibt der Wind hier sein Spiel und die Vögel können unbehelligt brüten. Früher trieben die Sylter ihre Schafe hierher zum Weiden. Auch lebte hier im 17 Jahrhundert der "Eierkönig Lille Peer", Herr über die weite Dünenlandschaft und Zigtausende von Möwen-, Bergenten-, Kiebitz, Seeschwalben-, Austernfresser- und Strandläuferbrutgelege.
Aber was kümmert es den Wanderer am Flutsaum, wenn er die Weite der Nordsee vor sich hat, den schier grenzenlosen Himmel über sich und leichten Schrittes auf dem festen Sandboden gen Norden eilt. Optimal ist diese Tour bei Windstille, an einem leuchtenden Herbsttag oder bei sanftem Südwest. Um bis zum späten Nachmittag den Lister Hafen zu erreichen, sollte vormittags früh gestartet und zügig gelaufen werden. Es ist nämlich ein gutes Stück Wegs an der Westseite entlang, bis der eigentliche Ellenbogen beginnt. Eigentlich heißt diese gebogene Spitze von Sylt Uthörn, aber im 20. Jahrhundert bürgerte sich der Name Ellenbogen, aufgrund der von Wind und Sand geschliffenen Form ein. Es ist ein herrliches Gefühl von Freiheit, das bereits nach wenigen Kilometern am Meer entlang einsetzt, denn oft ist der Strand wie leergefegt und Wanderer ist der einzige Strandläufer am "Ostindienfahrer Huk", wie die alten Sylter die Nahtstelle zwischen dem Weststrand und dem Ellenbogen nannten. Kaum zu glauben, daß sich hier einst festes Land weit ins Meer hinaus erstreckte. Heute spülen die Wogen der Nordsee über Häfen und Kirchen und auf den einstigen Inseln Mabberum und Rystum räkeln sich die Seehunde auf den verbliebenen Sandbänken

Etwas weiter östlich erscheint nun der erste markante Punkt auf der Strecke: der westliche Leuchtturm. Es ist ein Erlebnis, bis zur äußersten Spitze zu kommen, denn hier treffen die Wasser des Wattenmeeres und der Nordsee zusammen. Außerdem ist es das Mündungsgebiet der Wiedau. Baden ist hier strengstens verboten, die Strömung zieht jeden sofort nach unten und mit sich fort. Die Insel Rømø grüßt von Norden herüber und das Ausflugsschiff tuckert wie beschwingt vorbei. Bei guter Sicht ist auch das dänische Festland gut zu erkennen. Der idyllische Königshafen, der jetzt einem vorliegt, ist ein bevorzugtes Revier von Surfern. Meistens herrscht hier jedoch eine paradiesische Ruhe. Zu gerne möchte man bei Ebbe den Königshafen durchqueren und zum Lister Hafen laufen, der zum Greifen nahe scheint. Das ist aber niemandem empfohlen, denn ein tiefer Priel durchzieht die Bucht. Hier kam es 1644 zu einer gewaltigen Schlacht zwischen Dänen und Schweden, bei der über 1.000 schwedische Soldaten ihr Leben verloren haben sollen. Kaum zu glauben, bei dem Frieden und der Stille, die diese Bucht heute ausstrahlt. Die Tour endet an der Jugendherberge Mövenberg. Von hier aus verläuft der Mövenbergdeich bis zum Lister Hafen, wo bei einsetzender Dämmerung die bunten Lichter von Gosch & Co. als Vorboten der Zivilisation freudig zu begrüßen sind und die Umrunder des Ellenbogens sicher herzhaft in ein Fischbrötchen beißen werden.