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Hans Brüggemann und die Reformation
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Hans Brüggemann und die Reformation im Landesteil Schleswig - insbesondere in Husum

Es kam vieles in der Zeit vor und nach der Reformation 1517 zusammen, damit ein Werk wie das Bordesholmer Altar im Schleswiger Dom, entstehen konnte. Nicht vor 1511, in diesem Jahr entstand Albrecht Dürers kleine Passion, das Vorbild für Brüggemanns Schnitzaltar, aber auch nicht nach 1524, dem Beginn der Reformation im damaligen Husum und im Herzogtum Schleswig. Was dem nach Appuhn aus Walsrode stammenden Bildschnitzer in nur wenigen Jahren in Bordesholm und Husum gelang, war nur denkbar angesichts vermögender und ehrgeiziger Auftraggeber, wie u. a. Herzog von Schleswig und späteren König Friedrich I. von Dänemark, die Überragendes für die Ausgestaltung ihrer Kirchen, Schlösser und Privathäuser verlangten. (Horst Appuhn, S. 55)

Der Brüggemann-Altar im Schleswiger Dom

Der Brüggemann-Altar im Schleswiger Dom

Die mittelalterlichen Kirchen im Herzogtum Schleswig waren reich ausgestattet mit Altären und Heiligenfiguren. Nach dieser Zeit leisteten die Reformatoren mit ihren Bilderstürmern und Wiedertäufern ganze Arbeit und ließen die Kirchen leerfegen. Wenn auch das Herzogtum Schleswig unter dem Einfluß des Reformators Martin Luthers von der Bilderstürmerei weitgehend verschont blieb, so ist die Höhe dieser Kirchenkunst nie wieder erreicht worden, da der Kirchenbau für einige Jahrzehnte stagnierte und deshalb auch keine Bildwerke mehr verfertigt wurden. Auch die zahlreichen Nebenaltäre, in Lübeck 90, in Husum 19, wurden nach der Reformation nicht mehr gebraucht. (Horst Appuhn, S. 47 f.) Diese Skulpturen wurden später häufig auf Dachböden und in Rumpelkammern gebracht. So war es dem Landeskonservator Richard Haupt und dem Flensburger Museumsgründer Heinrich Sauermann zu verdanken, daß die die hölzernen Kunstwerke am Ende des 19. Jahrhunderts ins Museum gebracht und so vor dem Verfall bewahrt wurden.

Tafel

Tafel "Auferstehung Christi" (Ausschnitt)

Über das eigentliche religiöse Leben Husums vor der Reformation sind wir nur bruchstückhaft unterrichtet. In den Jahrzehnten vor der Reformation hatte sich das religiöse Empfinden allgemein gesteigert. Es gab es die Phase tiefster Frömmigkeit und Gläubigkeit, die sich "Devotio moderna" nannte, und die sich vor allem in der nördlichen Hälfte Deutschlands verbreitete. Sie drückte sich vor allem in der sogenannten Werkfrömmigkeit aus. Fromme Stiftungen, Wallfahrten, Ablaßhandel und Wunderglauben waren an der Tagesordnung., In den Städten der Herzogtümern wurden kirchliche Einrichtungen stärker als je zuvor zu Geldsammelstellen, die ihnen eine beachtliche Bewegungsfreiheit auf dem Kreditmarkt verschafften. (Lorenzen-Schmidt, S. 23)

Tafel

Tafel "Johannes der Täufer und die Erzväter in der Hölle" (Ausschnitt)

Die neue Gläubigkeit zielte auf genau das, was hauptsächlich nach den Evangelien der Bibel und den überlieferten Legenden und der Bildtradition dargestellt wurde. Der Mensch sollte an den Leiden des Herrn teilnehmen und ebenso wie er sein Kreuz auf sich nehmen. Es wurden die höchsten Ansprüche an das Gewissen gestellt und diese formten in ihrer Frömmigkeit das Leben der Menschen in einer Zeit, kurz bevor Martin Luther auftrat. Die evangelische Reformation wäre sicherlich in Norddeutschland nicht so schnell vorgedrungen, wenn die Glaubensbewegung der "Devotio moderna" die Menschen nicht darauf vorbeireitet hätte, denn sie beeinflußte nicht nur in die Klöster, sondern auch das weltliche Leben in den Städten. So hatte sich auch 1490 in Bordesholm das dortige Augustiner-Chorherrenstift der "Windesheimer Reform" angeschlossen und ermöglichte es Hans Brüggemann seine Tafeln im Altar im Sinne der neuen Frömmigkeit zu gestalten. (Horst Appuhn, S. 51 ff.)

Tafel

Tafel "Kreuzigung" (Ausschnitt)

Hans Brüggemann, von Rantzau "Johannes Brugmannus Husensis" genannt, mag nach Fertigstellung des Retabel (Fachausdruck für die Altarblätter in den Altären) in Walsrode, in Husum geblieben sein, jedoch seine Werkstatt aufgelöst haben. Rantzau erwähnt ebenfalls, daß Brüggemann ein ausgezeichneter Maler und Bildhauer (pictor et caelator) gewesen sei. Er soll an Ort und Stelle erst den Segeberger bis zum Jahre 1511 und dann von 1514 bis 21 den Bordesholmer Altar gefertigt haben. Über seine Jahre vor der Verfertigung der Altäre wissen wir nichts. Er muß mehrere Gehilfen gehabt haben, alleine hätte er so ein Werk mit 398 Figuren im Bordesholmer Altar nicht schaffen können. Er soll, als die Produktion der Altäre nachließ, sich später auch als Ziseleur betätigt haben. Der berühmte Husumer Taler mit dem Bildnis des Herzogs Friedrich wird ihm zugeschrieben. Er soll seine letzten Jahre im St. Jürgens-Stift in Husum verbracht haben und auf dem Klosterfriedhof im heutigen Schloßgrund begraben sein. Mehr als von diesen unbestätigten Lebensdaten wissen wir nicht. (Vgl. Magnus Voß)

Tafel

Tafel "Kreuzigung Christi" (Ausschnitt)

Drachentöter St. Jürgen (Georg) aus der ehemaligen Marienkirche in Husum, heute im Nationalmuseum Kopenhagen

Drachentöter St. Jürgen (Georg) aus der ehemaligen
Marienkirche in Husum, heute im Nationalmuseum
Kopenhagen

Ablaß

In den handschriftlichen Aufzeichnungen des damaligen Stadtsekretärs Johannes Henningsen gibt es folgende Stelle betreffend der Ablaßbewegung, leider ohne Quellenangabe, die auch Schleswig-Holstein erreichte:

    "Husum muß um 1516 schon wieder im Rufe der Wohlhabenheit gestanden haben, denn sonst hätte (..) der päpstliche Legat Angelus Arcimboldus es wohl nicht für zweckmäßig gehalten, auch unseren Ort mit seinem Ablaßhandel zu beschicken. Es mag ein schöner Jahrmarkts Aufzug gewesen sein, als der Legat, wie Zeitgenossen erzählen, auf einem braunen bunt aufgeschirrten und mit klingenden Turner Schellen behangenen Pferde reitend, von allerlei Geistlichen und Dienern begleitet von Osten her in die Stadt einzog und in der Herberge eines gewissen Hinrich Hucke in der Norderstraße Quartier (Lühmanns Haus) [ein]nahm."

Die von ihm ausgegebenen Ablaßbriefe sollten den Käufern folgende Sündenvergebung bringen:

    "Ich spreche dich erstlich von aller Kirchenstrafe los welche du verdienet haben kannst, sie mögen so groß sein als sie immer wollen, und ich erlasse dir alle die Strafe, welche du im Fegefeuer wegen solcher Sünden auszustehen verdienet hast. Ich mache dich der Sakramente der Kirchen wieder theilhaftig, und setze dich wiederum in denselben Stand der Unschuld in welchem du gleich nach der Taufe gewesen, so, daß die Pforte der Höllen vor dir, wenn du stirbst, zugeschlossen sein, die Thüre des Paradieses aber offen stehen soll".

Henningsen kommentiert diesen Vorgang so:

    "Man kann heute nicht begreifen, daß der Legat selber den Norden bereiste, während sein Untergebener Johann Tetzel in Deutschland das Geschäft betrieb. Vielleicht meinte er, wie ein Zeitgenosse schreibt, unser Volk sei einfältiger und freigebiger. Das Geld nahm der König ihm übrigens wieder ab. Ob er in Husum Geschäfte gemacht hat, habe ich nicht ermitteln können, wahrscheinlich ist aber, daß sein Erscheinen ein Anlaß zur guten Aufnahme der Reformation hier geworden ist." (J. Henningsen, S. 5 f.)

Ob Henningsen diese Geschichte für Husum nun aus zeitgenössischen wirklichen Quellen niederschrieb - ein Nachweis dafür konnte bis jetzt nicht gefunden werden - oder frei erfunden ist, wahr an dieser Geschichte ist, daß dieser Giovanni Angelo Arcimboldi, der spätere Erzbischof von Mailand, vom Papst beauftragt wurde, Geld für den Petersdom über den Ablaßhandel in Deutschland, Dänemark und Schweden aufzutreiben. In der Ernennungsurkunde wurden dem Ablaßhändler Arcimboldi im Reich ein Viertel und in Skandinavien die Hälfte der Einnahmen zur Deckung seiner Spesen zugestanden. Für den deutschen Teil setzte er den berüchtigten Johann Tetzel ein. Die Art des Ablaßhandels führte zum Konflikt mit Martin Luther, der gegen diese Art der Tilgung von Sündenstrafen im Jahr 1517 seine berühmten 95 Thesen verfaßte.

Rechts Giovanni Angelo Arcimboldi. Dom zu Mailand. Quelle: Wikipedia

Rechts Giovanni Angelo Arcimboldi. Dom zu Mailand. Quelle: Wikipedia

Rolle der Herrschaft

Es war König Christian II., der Arcimboldus, dem Legat und Abgesandten des Papstes, die Ablaßgelder abknüpfte, die er in Lübeck und Holstein (und an der Westküste wohl auch Husum) und zusammen mit seinem Bruder auch in Dänemark und Schweden gesammelt hatte. Der König hatte ihn außerdem beauftragt, während seiner Schweden im Konflikt gegen Sten Sture dem Jüngeren zu vermitteln. Da er sich aber auf seiten Stures schlug, nahm der König ihm seine Einnahmen ab. Er konnte nach Lübeck entfliehen, während sein Bruder in Haft kam.

König Christian II. von Dänemark, Norwegen und Schweden (Quelle: Wikipedia)

König Christian II. von Dänemark, Norwegen und
Schweden (Quelle: Wikipedia)

König Christian II. war mit den Lehren Luthers vertraut, und gegen den Willen der Stände und des Adels versuchte er, diese im Königreich zu verbreiten. Sein hartes Vorgehen gegen seine Gegner, besonders in Schweden, kostete ihm schließlich den Thron. Er ging ins Exil und hielt sich ab 1623 unter anderem kurze Zeit im Cranach-Haus in Luthers Wittenberg auf, bis er schließlich doch in Dänemark gefangengehalten wurde.

Die eigentliche Reformation in den Herzogtümern Schleswig und Holstein begann ab 1525 in Hadersleben des heutigen Dänemarks. Christian III., der Sohn von Herzog und König Friedrich, hatte diese auf dem Haderslebener Gebiet von oben her eingeführt. Der spätere Herzog und König Christian III. hatte Martin Luther noch selbst erlebt, da er am Reichstag zu Worms anwesend gewesen war.

Christian III. von Dänemark und Norwegen, um 1550 - Original im Nationalhistorische Museum Dänemarks - Schloß Frederiksborg (Quelle: Wikipedia)

Christian III. von Dänemark und Norwegen, um 1550 -
Original im Nationalhistorische Museum Dänemarks -
Schloß Frederiksborg (Quelle: Wikipedia)

Die Reformation, die angeblich von Husum aus im Herzogtum begann, fand vorerst ohne Hermann Tast statt. Husum besaß bereits vor der Reformation eine Gelehrtenschule mit lateinischem Unterricht. Die Universität in Wittenberg war erst 1502 gegründet worden und zog auch einige Husumer Schüler an. Vorher waren es die Städte Rostock und andere, die für ein theologisches Studium in Frage kamen. Unter diesen Schülern war auch Hermann Tast, der sich 1511 für ein Semester in Wittenberg immatrikulierte. Ob er dabei mit Luther zusammengetraf, wäre immerhin theoretisch möglich.

König Friedrich I. von Dänemark und gleichzeitiger Herzog von Gottorf, trat erst 1524 für Religionsfreiheit in seinem Herrschaftsgebiet ein. Der Kaufmann Matthias Knutzen, der spätere Ratsherr in Kiel soll sein Haus für reformatorische Predigten in Husum zur Verfügung gestellt haben. Er suchte König Friedrich mehrmals auf, um Hermann Tast für die Reformation zu gewinnen, der sich somit erst ab 1527 sich aktiv der Reformation in den Herzogtümern widmete.

Vortrag von Hans-Jürgen Hansen am 15. 5. 2017 in Koppelsberg (Plön), ergänzt und zuletzt aktualisiert am 12. 8. 2017


König Friedrich I. von Dänemark und Norwegen - Original im Nationalhistorische Museum Dänemarks - Schloß Frederiksborg (Quelle: Wikipedia)

König Friedrich I. von Dänemark und Norwegen -
Original im Nationalhistorische Museum Dänemarks -
Schloß Frederiksborg (Quelle: Wikipedia)

Grabmal von König Friedrich I. im Schleswiger Dom (von oben)

Grabmal von König Friedrich I. im
Schleswiger Dom (von oben)

Quellen und Literatur:

Horst Appuhn, Der Bordesholmer Altar und die anderen Werke von Hans Brüggemann, Königsstein im Taunus 1987 (Die Blauen Bücher)

Johannes Henningsen, Husum im 16. Jahrhundert, in: KANF J 23/119

Klaus J. Lorenzen-Schmidt, Husums Stellung in der Städtelandschaft der Herzogtümer 1490-1550, in Beiträge zur Husumer Stadtgeschichte, Heft 3/4 (1990/1991), S. 13-24

Albert Panten, Wer war Husums Reformator?, in Beiträge zur Husumer Stadtgeschichte, Heft 3/4 (1990/1991), S. 130-136

Wolfgang Teuchert, Aspekte der bildenden Kunst und Bildzeugnisse aus den Jahren der Reformation in Schleswig-Holstein, in Beiträge zur Husumer Stadtgeschichte, Heft 3/4 (1990/1991), S. 118-129

Uwe Albrecht, Hans Brüggemann - ein Hofkünstler?, in Beiträge zur Husumer Stadtgeschichte, Heft 6 (1998), S. 118-129

Magnus Voß, Chronik des Gasthauses zum Ritter St. Jürgen zu Husum, Husum 1902


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