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Wir sind über Rungholt gefahren
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Wir sind über Rungholt gefahren

Losgetreten wurde der Streit um Rungholt durch einen Spiegel-Artikel vom 21. Nov. 1994. Danach setzten auch andere Publikationsorgane wie "Die Zeit" und "taz-Hamburg" nach und hielten dieses Thema noch bis ins neue Jahr hinein fast zwei Monate am Kochen. Auch die heimische Lokalpresse, die "Husumer Nachrichten" und insbesondere die "Flensborg Avis" nahmen sich dankbar des Streites um das friesische "Atlantis" an. Was hat der Rungholt-Ausgräber und -Forscher denn nun eigentlich entdeckt, daß es ein solches Rauschen im bundesdeutschen Blätterwald veranlaßte?

Es sind denn auch weniger die Scherben und Holz-, Mauer-, Stein- und Brunnenreste, die die Gemüter an diesem Streit beteiligten Wissenschaftler und Museumsfachleute eregten. Es ist mehr die Lage des Ortes "Rungholt", die angeblich nicht südlich, sondern nördlich der Hallig Südfall zu suchen sei. Eine C-14-Analyse am im Nissenhaus ausgestellten Schleusentor oder Thermoluminezenz-Analysen an Keramik-Resten könnten es beweisen. Doch, oh Wunder, einige Ergebnisse der duchgeführten Untersuchungen sind bei beiden Parteien nicht mehr aufzufinden oder nicht mehr zugänglich.

Der Leiter des Landesamtes für Vor- und Frühgeschichte, Prof. Joachim Reichstein spricht von Raubgrabung und überzieht dem Ethnologen und Prof. Hans Peter Duerr aus Bremen mit einem Rechtsverfahren. Dieser wiederum wirft dem Schleswiger Archäologen vor, daß wichtige Erkenntnisse zurückgehalten würden. Bei allem Streit geraten viele Positionen durcheinander und verwischen sich derartig, daß sich fast keiner mehr auskennt. Der Spiegel sieht im zweiten Artikel (19. Dez. 1994) die Nordseeküste bereits als "Bermuda-Dreieck" an und zitiert einen nicht genannten Kenner: "Die ganze Rungholt-Forschung ist in einem Sumpf von subjektiven Ansichten und persönlichen Eitelkeiten gefangen." So soll dieser Beitrag soll wenigstens etwas Licht auf diesen absurden Streit werfen und aufzeigen, daß mehr Gelassenheit der Sache Rungholt dienlicher gewesen wäre.

Duerr hält Rungholt, welches er im übrigen nie mit Atlantis verglichen haben will, höchstens für ein "Bauern-Städtchen" mit "maximal zweitausend Einwohnern" oder "eine größere Siedlung mit ein paar tausend Einwohnern". Diese Angaben decken sich mit denen denen des Landesamtes für Vor- und Frühgeschichte, wonach es sich laut Reichstein bei der Besiedelung um Südfall herum um "einzelne Warfgruppen" gehandelt haben müsse, deren "Bewohner" am "Fernhandel teilgehabt" hätten. Rungholt könne aber nicht 4000 Einwohner gehabt haben (wie im ersten Spiegel-Artikel behauptet worden ist). Das damalige Leben habe sich auf Warfgruppen abgespielt, die kaum Platz für eine so große Stadt geboten haben könne.

Das Gebiet, wo Duerr sein Rungholt vermutet, heißt im Volksmund bis heute tatsächlich Rungholt oder vielmehr Rungholt-Sand. Auf einer alten Landkarte steht dort "silva rungholtina". Der Name drückt aus, daß an der Stelle damals ein Waldgebiet minderer Qualität (rung = wrong (engl.) = gering; holt = Wald), also ein Niederwald oder Krattgebiet vorhanden war. Später gab es dort ein Dünengebiet wie bei St. Peter-Ording, danach eine Sandfläche. Neben diesem Wald lag das sogenannte "Fedderingman-Gebiet", ein Warfen-Gelände mit neun verstreut liegende Brunnenringen. Hier war ein Herrensitz mit einer eigenen Kapelle ansässig. Hier wohnte eine Geschlechtersippe, die sich "Fedderingmannen" nannten. Der Zusatz "vel Rip" (oder Rip) hinter dem Ortsnamen "Fedderingman Capell" könnte bedeuten, daß der Ort auch "Fedderingmanrip" genannt wurde. Wird wieder die englische Bezeichnung genommen, bedeutet Rip "Uferrand". Es könnte also sein, daß die Ansiedlung ursprünglich am Uferrand eines Priels lag, die aber später zur Zeit der Sturmflut 1362 verlandet war. Die Warfen wurden errichtet, als das umliegende Land noch seinen alten Halligcharakter besaß. Erst nach Schutz durch Deiche entstanden die Wege, Gräben, Dammstellen und Sielzugbrücken.

Das sagenumwobende Rungholt wird vor der Sturmflut von 1362 überhaupt nur ein einziges Mal urkundlich erwähnt als Adresse auf der Rückseite eines Testaments aus dem Jahre 1345. Albert Panten, der dieses Dokument vor einigen Jahren im Hamburger Staatsarchiv in einem Urkundenbuch entdeckt hatte, entziffert es als: "Edemisherde parrochia Rungheholte judices consiliarij iurati Thedo bonisß cum heredibus" und übersetzt mit: "Edomsharde Kirchspiel Rungholt Richter, Ratsleute, Geschworene Thedo Bonisson samt Erben". Erst im 17. Jahrhundert sind die zahlreichen Karten, Chroniken und Sagen über Rungholt und Umgebung entstanden. Auch wurde in diesen schon von ähnlichen Ereignissen berichtet, die auch Dürrs Entdeckerdurst angeregt haben könnten. So berichtete Peter Sax im Jahre 1637 von Warfen im Watt zwischen Nordstrand und Eiderstedt, die gezeigt werden könnten, "da Häuser gestanden... Wege, Äckern ..., Gruften und Graben. Man kann finden Kessel, Grapen, Kröge, Schüssell...".

Die Phantasie beflügelte im 19. Jahrhundert auch den Dichter Detlev von Liliencron, der einige Zeit auf der Insel Pellworm ansässig gewesen war, mit seiner Ballade "Trutz Blanke Hans". Nach dieser Darstellung war Rungholt eine "mittelalterliche Stadt mit großen Kornspeichern am Hafen, mit einem kunstvoll gebauten Stadttor und mit einem gepflasterten Marktplatz sowie einer wuchtigen, aus Backsteinen erbauten Domkirche". Nach der Sage ist Rungholt an einem Tage untergegangen und mit ihm 4000 Menschen ertrunken. Nach der Legende soll der Alkolhol schuld gewesen sein. "Gottlose Trunkenbolde wollten einem Priester eine Sau als angeblichen Todkranken unterschieben, der er das Abendmahl reichen sollte. Der Trug flog auf, der Priester floh, doch die Bösewichte entwendeten ihm die Büchse mit den heiligen Sakramenten und soffen daraus munter weiter." Die Folgen blieben nicht aus. Der Gottesmann betete um die Bestrafung der Frevler und die folgte denn auch prompt mit der "Großen Mandränke" im Jahre 1362.

Nach Angaben des Spiegel soll der legendäre Ort Rungholt die "größte Hafenstadt an der sumpfig-mäandernden nordfriesischen Küste" gewesen sein. "Vergleichbar einem tropischen Mangrovensumpf" ragte die "flußreiche Küstenzone weit in die Nordsee" hinein. "Entwässerungskanäle durchzogen das flache Grasland. Über Bohlenwege und kleine Holzbrücken bahnten sich die Friesen trockenen Fußes den Weg."

Dieses Bild ist nur teilweise richtig. Vor 1200 hatten die Einwohner flach gesiedelt. Die gesamte Küste war durch einen Sandwall geschützt. Die drei Außensände sowie die Sandbänke vor Amrum und Sylt zeugen heute noch von der einstigen Nehrung. Das Binnenland war bis zum Geestrand und auf einige Geestinseln und Uferstreifen überhaupt nicht oder schwach besiedelt. Erst ab etwa 1000 setzte eine größere Kolonisation der Friesen ein. Das Gebiet bestand ansonsten aus umfangreichen Moorflächen, unter denen eine alte fruchtbare Kleischicht lag, die den späteren siedelnden Bewohnern aus zwei Gründen zum Verhängnis wurde:

Zum einen wurde, wie im Spiegel richtig angegeben, der vom Meer überspülte Torf getrocknet und verbrannt; aus der Asche ließ sich das kostbare Salz heraussieden. In den nicht überschwemmten Gebieten wurde die Torfschicht zu Feuerungszwecken weggenommen und die darunterliegende alte Marsch als fruchtbaren Ackerboden gewonnen. Dadurch geriet das Land unter dem Meeresspiegel und Eindeichungen bewirkten nun, daß "Entwässerungskanäle", also Sielzüge mit ihren Schleusentoren das "flache Grasland" durchzogen und über die natürlich auch Holzbrücken gelegt werden mußten.

Diese Maßnahmen waren erforderlich, weil vermutlich um etwa 1180 eine der zahlreichen Stürme den Strandwall an mehreren Stellen durchstoßen hatte und damit auch die Hever, die damals wohl noch ein Fluß war und von Nord nach Süd in die Eider floß, als Wasserstraße (an der auch Ansiedlung Rungholt lag) beeinflußte. Der Flußlauf verlandete wohl schnell und die Einwohner mußten sich an anderer Stelle weiter südlich einen Zugang zum nun von Ost nach West verlaufenden Heverstrom verschaffen. Die Bewohner konnten jetzt auch nicht mehr flach siedeln, sondern sie mußten Warfen aufschütten und wegen des Salzwassers (vorher war es ja Süßwasser) Brunnen graben oder sie mit Soden aufsetzen. Bald darauf wurden auch Deiche gebaut, weil das Land besonders nach Abbau des Torfes in der Regel niedriger als der Meerwasserspiegel lag und vor allem weil Ackerflächen Meeresüberschwemmungen nicht vertrugen. Daß Menschen geschützt werden sollten, war nie Absicht beim Bau der ersten Deiche gewesen. Dazu waren ja die aufzuschichtenden Warfen da.

Auf alten Karten (die zwei aufgefundenen Karten des Husumer Johannes Mejer gehen auf die Clades Rungholtina von Peter Sax aus Koldenbüttel zurück) ist Hallig Südfall nicht eingezeichnet. Auf den Karten von Mejer ist Rungholt gleich zweimal eingezeichnet, als Ort und als Wald (in den Ausrissen im Spiegel merkwürdigerweise die obere Bezeichnung durch den Hinweis auf den unteren Kirchort Rungholt überdeckt und in der "Zeit" vom 13. Jan. 1995 ist im Ausriß der Wald Rungholt eingezeichnet, der untere Ort aber abgeschnitten worden). In der älteren Vorlage von Sax, die erst nach der großen Sturmflut von 1634 erstellt wurde und die Gegebenheiten dieser Zeit berücksichtigte, stimmt mit den bisherigen Grabungsergebnissen sogar weitgehend Überein. Die damalige Schleuse war zwar noch kein Raub des Meeres gewesen, aber sie verlor durch die vorherige Sturmflut weitgehend ihre Funktion, weil das Gebiet später nicht wieder bedeicht wurde.

Deswegen ist auch durch die Altersbestimmung nach der C-14-Methode eigentlich nicht unbedingt zu befürchten, daß sich Duerrs These, die Schleuse sei nach 1362 erbaut, sich bestätigen sollte. Darum ist eigentlich nicht zu verstehen, weshalb Ergebnisse einer solchen Überprüfung zurückgehalten werden sollten. Tatsächlich tut sich ein Widerspruch auf, wenn auf der einen Seite Lengsfeld bestätigt, daß mehrere Alterbestimmungen von den Schleusenbalken gemacht worden sind (die Ergebnisse mögen ja tatsächlich verschludert worden sein) oder, wie Reichstein auf einer Pressekonferenz im Januar behauptet, (vielleicht auch zu Recht) vom Landesamt bisher solche Altersbestimmungstest nicht vorgenommen wurden. Ob der damalige Museumsleiter Wohlenberg die wissenschaftlichen Ergebnisse verschwieg, "aus Angst, eines seiner attraktivsten Ausstellungsstücke zu verlieren", mag dahingestellt sein lassen. Ich denke, daß für die Faszination des Museum-Besuchers es reichlich egal sein dürfte, ob der Schleusenbalken aus der Zeit vor 1362 oder vor 1634 stammt. Bedeutend dürfte die Jahreszahl eigentlich nur für die damit befaßten Fachleute sein, weil mit ihr auch bestimmte Erkenntnisse und Konsequenzen für die Lebensweise der damaligen Bewohner gewinnen ließen.

Was fand der Bremer Ethnologe Duerr nun eigentlich auf der "Wallfahrt im Watt" im Sommer 1994, auf der er sich selbst vom "Gemauschel" der Museums-Leitung zu überzeugen wollte. In einem Priel fand er Pferdeschädel "in großer Zahl" und Keramikscherben. Aus dem nassen Grund ragten "Pfosten und aufrecht stehende Flechtwände". Duerr: "Wir waren auf ein mittelalterliches Langhaus gestoßen, auf der Feuerstelle lagen noch Fischgräten." Etwas abseits, "in 2000 Schritten Entfernung hob sich ein Fundament aus behauenen Findlingen aus dem Schlamm - typisch für mittelalterliche Kirchen." In einem späteren Spiegel-Artikel wurden daraus die Ruinen eines "riesigen Steinhauses" mit "Findlingsfundament und Ziegelsteinstümpfen". Wenn Duerr die Phantasie nicht durchgegangen sein dürfte (hoffentlich hatte er ein Photoapparat dabei), dürfte es sich hiernach wohl um die "Fedderingman Capell" handeln.

Rheinische Krüge (wie konnte Duerr eigentlich innerhalb eines Tages es beurteilen, daß es sich um solche handelte?), Reste von Holzfässern (die auch schon früher an dieser Stelle gefunden worden waren) und Kuhschädel nahm Duerr (als Notbergung) mit, um sie einige Tage später beim zuständigen Landesamt im Schleswig abzugeben. Dafür wurde "der glückliche Finder" hart gestraft mit einer Anzeige wegen Raubgrabens unter Androhung eines Bußgelds bis zu 50.000 Mark.

Duerr vermutete, daß die "Fischköppe" - (seine Gegner konterten ebenfalls unter die Gürtellinie, er sei ein langhaariger, gebürtiger Kurpfälzer und "Hexenforscher") - von ihren eigenen Versäumnissen ablenken wollten und daher mit Watt-Zutrittsverbot reagierten und ihm einen Sammelausweis verweigerten. Die neuen "Rungholt-Artefakte" seien zu gewichtig, daß ihnen nicht weiter nachgegangen werden dürften. Noch nie sei ein komplettes mittelalterliches Haus im Watt aufgespürt worden. Eine ganze mittelalterliche Stadt, "bestehend aus bis zu 50 Meter messenden friesischen Langhäusern" liege womöglich unter dem Schlick. Reichstein hält dem jedoch entgegen: "Wo ein Laie die Reste von Häusern, Kirchen und Feuerstellen zu sehen glaubt, kann der Fachmann dank langjähriger Kenntnis derartiger Siedelreste durchaus zu einem anderen Ergebnis kommen."

Die Flachbodensiedlung Rungholt müsse durch die Schlammlawine der Sturmflut von 1362 nahezu luftdicht abgeschlossen sein, behauptet Dürr weiter. So seien seine Studenten auf ein Holzfaß gestoßen, "daß noch unverrückt auf einem Podest stand - gleichsam im Matsch erstarrt und gut konserviert" war. Aber auch Andreas Busch berichtete von einem Holzfaß, als er im Jahre 1963 als über 80jähriger zusammen mit Wohlenberg und dem Pächter der Hallig Südfall seine letzte Rungholt-Expedition unternahm. Der Bauer und Pächter Brauer fand an einer Wattrinne, die zwanzig Jahre zuvor entstanden war, auf festem, altem Kleiboden ein Stück Leder, das Nahtlöcher aufwies. Im Boden steckten mehrfach Tierknochen. Beim Weitergehen in südwestlicher Richtung sah er drei Brunnen. Aus dem zweiten Brunnen ragten die Dauben eines Holzfasses heraus. "Beim Hineinstecken eines Stockes stieß er auf den Faßboden, den er mit einem kräftigen Ruck durchstoßen konnte. Das Holz war mürbe."

Für die dem Spiegel erzählte "abenteuerliche Story" des Bremer Forschers hat der wissenschaftliche Mitarbeiter und Experte des Landesamtes, Hans-Joachim Kühn nur ein "müdes Lächeln" übrig. Seit Jahren schon führt er Ausgrabungen im Wattenmeer durcht. Die angeblichen "Neuentdeckungen" Duerrs kenne man schon seit etwa zwanzig Jahren und diese seien zudem gut kartiert (Diese Aussage mag Duerr kaum glauben, denn Kühn habe ihm im vergangenen Dezember selbst noch geschrieben, daß das Gebiet nördlich von Südfall noch nicht näher untersucht worden sei. Vielleicht ist dieses Mißverständnis dadurch zu klären, daß wohl zwischen Bekanntwerden von Funden und genaueren wissenschaftlichen Untersuchungen Unterschiede bestehen). Es gäbe überall zahlreiche Plätze und vergleichbare Artefakte, es sei daher nicht verwunderlich, wie Kühn in den "Husumer Nachrichten" vom 23. 11. 1994 äußert, daß die Pferde noch so dalägen, wie sie damals in den Stallungen ertrunken seien. "Draußen gibt es Hunderte alter Siedlungen, zum Teil älter als Rungholt". Rungholt kann auch deswegen nicht an der von Duerr untersuchten Stelle gelegen haben, weil der Ort einen Zugang zum Meer gehabt haben muß. Die Funstellen müßten zudem Funde aufweisen, die auf weite Handelsverbindungen hindeuteten, so wird in der "Zeit" vom 9. 12. 1994 geschlußfolgert. Südwestlich von Südfall seien tatsächlich rheinische Krüge entdeckt worden. An dieser Stelle verlief auch vor 1362 ein Priel, da das Wattenmeer sonst rundherum festes Land war und geradezu flächig besiedelt gewesen sei, ließe sich nur hier ein Handelshafen anlegen lassen. Das Kirchspiel Rungholt, mutmaßt Kühn vom Landesamt, könne nur dort gewesen sein.

Zur Erforschung der Siedlungshöhen, um weitere Hinweise auf Meerespiegel-Schwankungen zu bekommen, bedürfe es eigentlich flächenhafter Grabungen, so Kühn weiter. Dies sei aber unmöglich, da es nur "mit gewaltigem technischen Aufwand" und ebenso gewaltigen Finanzmitteln zu bewerkstelligen sei. Was die Datierung der Schleusenreste angeht, seien sie für ihn bis heute nicht datiert (Duerr will die Aussage, daß der Kernstück der Rungholt-Forschung, der Schleusenbalken, aus der Zeit um 1700 stammt, von einem früheren Mitarbeiter Wohlenbergs erhalten haben wie es zweiten Spiegel-Artikel heißt. Auf die Frage von Lengsfeld, wer der Informand gewesen sein könne, weicht Duerr in einem Leserbrief am 4. 1. 1995 in der Flensborg Avis wieder aus und bemerkt nur: "Dem Manne kann geholfen werden"). "Wer solle denn ein Interesse gehabt haben, in jüngerer Zeit da zwei Schleusen mitten ins Wasser zu setzen." Er werde immerhin in Kürze einen neuen Datierungsversuch durchführen lassen. Für Lengsfeld dagegen, dem derzeitigen Leiter des Nissenhaus-Museums, besteht kein Zweifel daran, daß der Schleusenbalken tatsächlich aus dem 13. oder 14. Jahrhundert stammt. Der Schleusenbalken sei wie andere Fundstücke auch wiederholt zwischen 1977 und 1985 von verschiedenen Wissenschaftlern auf ihr Alter hin untersucht worden. Er selbst habe, obwohl es noch in der Amtszeit seines Vorgängers Wohlenbergs geschehen sei, die Untersuchungsberichte selbst in den Hände gehalten. Es hätte sich keine Passage gefunden, die ein jüngeres Alter ergeben hätte. Gerne hätte er gewußt, von wem Duerr sein Information erhalten habe. Lengsfeld versprach jedoch ebenso, daß der Balken noch einmal untersucht werden solle, wenn neue wissenschaftliche Methoden einer exaktere Bestimmung erlaubten und finanzielle Möglichkeiten dafür beständen. Die neue Expertise sollte dann vom Schleswiger Landesamt für Bodendenkmalpflege und Archäologie hergestellt werden.

Daß die von Duerr geborgenen Scherben nachweislich vor 1362 gebrannt wurden, wird ihm wohl kaum einer abstreiten, nur eben, daß es Scherben aus Rungholt gewesen sein können, denn es sagt ja auch niemand, daß Nordfriesland nicht vorher weitflächig besiedelt worden ist. Auch daß die Nachbarorte, das Kirchspiel Riep ("Fedderingmanriep"!), das bis 1532 bestand und die Nachbarorte Niedamm ("neuer Damm") und Halgenes ("Hallignase"?) nach der Jahrhundertflut wiederbesiedelt wurden, bestreitet niemand. In der Auflistung der Einnahmen des Domkapitel zu Schleswig 1437 ist das Kirchspiel Rungholt nur lapidar als "submersa" (untergegangen) wie viele andere Kirchspiele von Nordstrand auch vermerkt. Demnach könnte tatsächlich theoretisch die (jetzt wohl unbrauchbare) Schleuse dem Ort Nydam und die "Kirchwarf" von Rungholt dem "Dörfchen" Halgenes zugeordnet worden sein.

Für Kühn ist die Sache klar. Er schildert, was ihn am Vorgehen Duerrs eigentlich stört: "Da holt einer ohne Konsultation der Fachwelt und ohne die üblichen archäologischen Sicherungs-Maßnahmen Fundstücke aus dem Watt. Die Landesarchäologen hätten in diesem Falle mit Kollegen anderer Forschungsbereiche zusammen Fundort-Sicherung und Fund-Entzifferung betrieben. So sei das herausgeholte Material 'kaum verwertbar'. So ist nicht einmal ein Laie vorgegangen wie damals 1921, Andreas Busch, der die Rungholt-Spuren entdeckte."

Duerr hält dagegen, daß er das Landesamt für Vor- und Frühgeschichte bereits im vergangenen Jahr von der geplanten Suche nach Kulturspuren im Rungholt-Watt unterrichtet habe. Kühn habe ihm sogar Ratschläge mit auf den Weg gegeben, die zum Gelingen der Sache beitragen sollte. Umso erstaunter sei er gewesen, daß Kühn ihn erst eiskalt abblitzen ließ, als Duerr ihn schließlich einige Zeit nach der Expedition privat anrief, "um mit dem Kollegen", wie er hoffte, "die Fundstücke zu interpretieren und fachzusimpeln". Sechs Wochen später hätte er dann aufgrund seiner Fundmeldung im Juni ein Einschreiben vom Landesamt mit der Mitteilung erhalten, daß gegen ihn ein Ermittlungsverfahren bei der zuständigen Behörde des Kreises Nordfriesland eingeleitet sei, weil er eine "Ordnungswidrigkeit" wegen "Grabens nach Kulturdenkmalen" begangen habe. Dies hätte ihm unter Umständen eine Strafe bis zu 50 000 Mark eingebracht.

Für Kühn ist jedoch die Anzeige wegen der Raubgrabung berechtigt und er kritisiert den Kreis Nordfriesland, der sie wegen "Geringfügigkeit" nicht weiter verfolgen wolle. Damit ermuntere der Kreis geradezu zu archäologische Raubgrabungen und sei eine deutliche Aufforderung, da weiterzugraben und noch mehr kaputtzumachen. Das gesamte Wattenmeer sei Grabungsschutzgebiet. Jede Suche nach Relikten der Vergangenheit müsse durch Schleswig genehmigt werden. Wer dagegen als Wattspaziergänger zufällig auf Hinterlassenschaften früherer menschlicher Besiedlung stoße, dürfe diese in der Regel behalten. Es bestehe in Schleswig-Holstein eine Melde-, jedoch keine Abgabepflicht. Im Bedarfsfalle würde der Fund auf Anforderung begutachtet werden, das Landesmuseum würde in manchen Fällen dem Finder sogar den Ankauf des Exponats anbieten.

Auch nicht auf sich sitzen lassen will Kühn den Vorwurf, daß das Landesamt die kostbaren Siedlungsreste im Watt sich selbst überlasse. Es würde regelmäßig im Watt gearbeitet, nicht nur beim plötzlichen Auftauchen von Siedlungsresten würde das Landesamt tätig, sondern die Archäologen gingen in Zusammenarbeit mit dem Husumer Amt für Land- und Wasserwirtschaft auch systematisch vor. Mit dem Hinweis auf das vor einigen Jahren durchgeführte Norderhever-Projekt wies der Schleswiger Wissenschaftler darauf hin, nur durch akribische Arbeit habe man feststellen können, daß vor rund 1000 Jahren das heutige Wattenmeer bis zu den heutigen Außensänden eine fast zusammenhängende und von Friesen bewohnte Siedlungsfläche gewesen sei.

Erstellt am 1. Februar 1994

Hans-Jürgen Hansen

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