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Sylt für die Seele

Wenn die Stille zurückkehrt

Von Corinna Hübener

Die Insel Sylt ist eine eingetragene Marke und, zugegeben, an einigen Ecken etwas teuer, dennoch kann sich kaum jemand der Faszination dieses Eilandes entziehen. Vor allem im Herbst und Winter, wenn die Gäste nicht auf Badewetter und Champagnerevents erpicht sind, sondern das genießen, was Sylt eigentlich ausmacht: Stille, Natur und die Kraft der Elemente.

Wer die tosende Brandung und das Brausen der Lüfte nicht kennt, kennt Sylt nicht. Der berühmte Schriftsteller Thomas Mann schrieb im September 1927 während eines Aufenthaltes auf der lnsel: "Nicht Glück oder Unglück - der Tiefgang des Lebens ist es, worauf es ankommt. An diesem erschütternden Meere habe ich tief gelebt, ..."

Westerland bittet um Ruhe

Daß Sylt ursprünglich als Seebad, aufgrund seiner heilklimatischen Faktoren gegründet wurde, und noch bis vor kurzem Verkehrsschilder die Gäste mit dem Hinweis mahnten "Das Nordseeheilbad Westerland bitte um Ruhe", scheint fast vergessen zu sein. Dennoch ist sie immer noch zu finden, die Stille, die Ruhe, "die hehre Schönheit der ganzen Insel", wie der Arzt Dr. Ross im 19. Jahrhundert überschwenglich ausrief und wesentlich dazu beitrug, den Ruhm der rauhen Nordseeinsel zu begründen.

Gedankenklarheit und Seelenruhe

Es sind vor allem die prachtvollen Sonnenuntergänge im Herbst, die ein unvergleichliches Licht zaubern. Die Bezeichnung "Goldener Oktober" trifft hier voll zu. Ein Spaziergang entlang des Flutsaumes am wie blankgeputzten und leergefegten Strand im November oder Dezember verhilft zu Gedankenklarheit und Seelenruhe. Es zieht "den Schmutz aus der Seele", wie der Feuilletonist und Sylt-Liebhaber Fritz J. Raddatz einst schrieb. Lieblicher und stiller ist die Wattseite, ob ein Gang von Rantum nach Hörnum oder von Keitum nach Munkmarsch, es ist diese schier unglaubliche Weite und Stille, welche die Ostseite der Insel so attraktiv macht. Wer Sylt mit allen Sinnen erleben will, muß sich öffnen, dann erlebt er in sich einen Frieden, der hält und trägt.

Nicht von ungefähr ließ der bekannte Buddhist Paul Dahlke 1927 auf der Heide zwischen Wenningstedt und Braderup eine der ersten und größten Buddha-Stauten des Westens errichten. Ebenfalls ein 'Haus der Stille' war von ihm geplant, wovon er jedoch nach dem Bau des Hindenburgdamms Abstand nahm.

Wie ist es seltsam märchenschön ...

Sylt haftet das Klischee einer Insel der "Reichen und Schönen" an, dabei waren es vornehmlich Künstler und Dichter, welche von der Magie des Lichts sowie der unberührten Sand-, Dünen- und Heidelandschaft angezogen wurden. Der Berliner Ferdinand Avenarius verfaßte in "Heidefrieden" eine der schönsten Liebeserklärungen an die Insel: "Wie ist es seltsam märchenschön, still durch die Heide hinzugehen, wenn fern die Sonne untergeht, und Farbenduft herüberweht". Auf Sylt kann man es wieder lernen, die Langsamkeit des Seins die Konzentration auf das Wesentliche. Nirgendwo sonst herrscht außerdem eine derartige Dichte an Wellness-Einrichtungen und Yoga-Angeboten

Natürliche Heilfaktoren: Wind und Wasser

Der Mensch braucht eigentlich wenig zum Glücklichsein. Ein Spaziergang am Meer vitalisiert die Zellen. Die salzhaltige Luft, insbesondere das Aerosol am Flutsaum, verhilft zu einer spürbar besseren Atmung und strafft die Haut auf natürliche Weise. Nichts wirkt zudem verjüngender auf Haar und Haut, als Wind und Regen. Der Schlaf wird dadurch besser und das Nervenkostüm beruhigt sich. Ein Aufenthalt am Meer mit täglichen Bädern wurde früher nervenschwachen und unfruchtbaren Frauen empfohlen. Insbesondere das Frühjahr und der Herbst waren von der Witterung her die geeignetsten Monate, um die verbrauchten Energietanks wieder aufzufüllen. Es ist wie eine Reinigung von innen und außen, die erneuernden Kräften die Wege bahnen. Solcherart gestärkt steht außerdem einem grippefreien Winterhalbjahr nichts mehr im Wege. Es heißt zudem, der salzigen Meeresluft halten Dämonen und andere Gebilde nicht stand.


Die Autorin Corinna Hübener, Jahrgang 1962, ist gebürtige Sylterin aus alter Familie. Bei ihr zuhause wird noch Sölring gesprochen. Sie hat zehn Jahre lang den Vortrag "Sylt im Altertum" gehalten, zahlreiche Bücher veröffentlicht und arbeitet seit 2018 als Gästeführerin in Keitum.

Der Beitrag "Sylt für die Seele - Wenn die Stille zurückkehrt" erschien zuerst im Magazin "Lebensart 13 - Herbst-Winter 2017/18"

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