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Wie Sloterdijk an das Fundament Habermas sägt

Vorgeschichte

Uns steht wieder ein Intellektuellenstreit ins Haus. Der Angegriffene ist Peter Sloterdijk, der ins faschistische Lager gerückt werden soll mit seinen Äußerungen über Menschenzüchtung. Sloterdijk, noch unverbraucht, kontert und greift die graue Eminenz der Kritischen Theorie an: Jürgen Habermas. Er fühlte sich durch ihn nicht beachtet und hat den Verdacht, daß er hinter seinem Rücken gegen ihn integriert. Immerhin hatte er erreicht, daß Habermas in einem Leserbrief in der neuesten Ausgabe der Zeit vom 16. 9. 1999 antwortete und in der Tat seine Geringschätzung durchblicken ließ, ansonsten aber sein Urheberschaft abstritt.

Der Vortrag "Regeln für den Menschenpark"

"Regeln für den Menschenpark - Ein Antwortbrief über den Humanismus", so lautete der Vortrag den Peter Sloterdijk auf einer Tagung im Juli 99 vor einem erlesenen Publikum, vor allem viele jüdische Philosophen und Theologen, auf dem bayrischen Schloß Elmau gehalten hatte und zum Eklat führte. Welches waren die Aussagen, die die Gemüter dort erregte und in der Folgezeit eine heftige Diskussion in den Blättern "Frankfurter Rundschau", "Süddeutsche Zeitung" und "Die Zeit" führte? Auch der "Spiegel" griff das Thema auf und begab sich damit in Sloterdiks Schußlinie.

Ich habe mir den Text der Suhrkamp-Fassung heruntergeladen und gelesen und fand damit einen Text vor, der zum Besten gehört, was ich von Sloterdijk gelesen habe. Nicht nur das, er schreibt - sieht man von den sowieso schwierigen Heideggerschen Vokabeln ab - sehr einfach, einen Text, der analytisch, viel referierend und sehr überzeugend ist und der eigentlich gar nicht zu mißverstehen ist. Im übrigen ist man von Sloterdijk ja provozierendere Thesen gewohnt. Z. B. diese hier:

"In den fundamentalistischen Stimmungen der Jahre nach 1945 war es für viele Menschen aus begreiflichen Gründen nicht genug, aus den Kriegsgreueln zurückzukehren in eine Gesellschaft, die sich wieder als pazifiziertes Publikum von Lese-Freunden präsentierte - als könnte eine Goethe-Jugend die Hitler-Jugend vergessen machen. Damals schien es vielen umgänglich, neben den neu aufgelegten Römerlektüren auch die zweite, die biblische Basislektüre der Europäer wieder aufzuschlagen und die Grundlagen des nun wieder so genannten Abendlandes im christlichen Humanismus zu beschwören. Dieser verzweifelt über Weimar nach Rom blickende Neohumanismus war ein Traum von der Rettung der europäischen Seele durch eine radikalisierte Bibliophilie - eine schwermütig-hoffnungsvolle Schwärmerei von der zivilisierenden, der vermenschlichenden Macht der Klassikerlektüre"

Sloterdijk ist entsetzt darüber, inwieweit und wie schnell die Enthumanisierung der Menschheit voranschreitet. Unser humanes Erbe kann unsere Herkunft aus der Tierwelt einfach nicht verleugnen. Der Mensch mußte sich bezähmen und zivilisieren, seine eigenen anthropologischen Grundlagen abschneiden. Das einzige, was uns hilft, das ist auch Sloterdijks Botschaft, daß wir unseren Verstand einsetzen sollen um unseres Überlebens willen. Wir haben dabei nur wenige Mittel zur Wahl, die uns nicht inhuman erscheinen. Eines der Mittel ist die pränatale Selektion, auf gut deutsch die Geburtenkontrolle. Dabei befürwortet Sloterdijk nicht die kollektive, sondern die individuelle, frei nach dem Motto: "Mein Bauch gehört mir".

Wenn der Mensch jedoch zur Welt kommt - die gewollte Geburt ist dabei immer noch die bessere Lösung als die ungewollte Geburt - sollte er optimale Bedingungen vorfinden. Wer keine Geburtenregelung und Familienplanung zuläßt, gefährdet das Überleben der Menschheit insgesamt. Es ist die Tragik der Menschheit, daß die Natur (auch die innere Natur) eigenmächtig handelt und nur durch Selbstbegrenzung und Ensetzen des Verstandes den unerwünschten Nebenwirkungen der Natur beizukommen ist.

Es gibt niemand mehr, kein Gott, kein König, keine Regierung, kein Mensch, der eine Selektion vornehmen könnte oder darüber bestimmen kann. Die Verantwortung liegt bei uns selber, bei jedem einzelnen von uns. Die Entscheidung, die wir für uns und für unseren Kindern treffen, kann uns niemand abnehmen, weder ein Gott der Religion noch der moderne König, ein über uns entscheidendes demokratisches Parlament oder gar der Staat. Der Staat verliert jedoch zudem zunehmend an Vertrauen, je mehr oder alles er dem freien Spiel der Kräft überlassen möchte. In diesem Spiel schwimmt der Mensch dann orientierungslos dahin. Auf sich selbst gestellt ist er einem anonymen Markt ausgeliefert, falls er nicht doch versucht, dagegenzuhalten, sich dem Mainstream entgegenzustemmen.

Hans-Jürgen Hansen (Stand: 28. September 1999)

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