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Philosophische Gedanken


Aufschreiben heißt, die Wirklichkeit zu denken, eine Wirklichkeit, die um uns herum ist und die uns alles andere als freundlich gesinnt ist. Dem Leben, der mir so zeigenden Welt mit Ratio oder Vernunft beizukommen, meine ich, dieses Ansinnen ist fast vergeblich. Daher liegt der Verstand brach, selbst Gefühle lasse ich nicht mehr ohne weiteres zu oder lasse mich von ihnen leiten. Manche mögen noch handfesten Argumenten durchaus zugänglich sein, die wenigsten jedoch setzen sich mit ihrer Person oder in ihren Beziehungen zu anderen auseinander. Als ob sie sich dabei etwas vergeben müßten. Es steckt in ihnen eine so tiefe ureigene Angst, daß sie eher weiterhin im eigenen Morast zu verbleiben oder noch tiefer zu wühlen bereit sind, anstatt einmal innezuhalten und zu überlegen, was man tun muß und wie, um sich aus einer scheinbar fast ausweglosen Situation herauszuziehen, alleine oder mit Hilfe anderer.

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Das Denken, die Ratio enthebt den Menschen vom Chaos der Dinge und des Lebens, es führt ihn in eine geordnete Bahn, erdrückt ihn darin aber auch darin oder läßt ihn gar ersticken. Wir wären nicht überlebensfähig, wenn wir das Chaos in unserem Inneren oder die Eindrücke um uns herum nicht gedanklich ordneten. Die dabei gleichzeitig einengenden und befreienden Momente müssen wir aushalten oder zumindest in die Waage zu halten versuchen.

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Ist der Zeitpunkt gekommen, daß wir die erkannte, uns umgebende Wirklichkeit nicht mehr wahrhaben wollen, machen wir uns etwas vor und beginnt der Bereich der Illussionen. Aber wann beginnt es? Die Grenze ist schwimmend, der Punkt des Übergangs von der Wirklichkeit zur Illussion ist nicht genau auszumachen. Wir stellen lediglich fest: auch mit Illussionen läßt es sich ganz gut leben. Gerade das macht es uns so schwer, der Wahrheit zuzuwenden und mit seiner Hilfe ein Leben zu führen, das der Wirklichkeit gerechter wird.

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Was ist die Ursache meiner Bedrückung? Warum leide ich so? Warum reagiere ich so und nicht anders? Was ist es, was mir immer so zu schaffen macht? Haben es da Tiere, Katzen oder Hunde nicht besser? Sie denken nicht, sie überlegen nicht, sie leben einfach dahin. Der Mensch allein denkt über etwas nach.

Nachdenken oder Reflektieren über etwas hat seine Vor- und Nachteile. Der Nachteil ist, daß ich die Wirklichkeit tatsächlich so wahrnehme wie sie ist. Dabei sehe ich aber auch die Differenzen innerhalb dieser Wirklichkeit, vor allem, wenn ich genauer hinsehe. Wenn ich vergleiche und unterscheide, wenn ich eigene Erfahrungen mit einbeziehe, kann ich mir durchaus ein Urteil von daher ein Bild oder besser eine Vorstellung von der guten oder der schlechten Wirklichkeit erlauben. Ich ahne daher, wie eine bessere Wirklichkeit sein oder aussehen könnte. Ich habe dann eine feste Meinung oder Überzeugung - um nicht vom Glauben zu reden - von ihr. Wie die wahre Welt allerdings wirklich ist, kann niemand sagen.

Ich sehe nur, daß manches in der Welt nicht stimmt. Wenn der Mensch handelt, dann macht er auch Fehler. Diese werden im Beziehungsgeflecht untereinander sichtbar. Es sind die Unzulänglichkeiten der Menschen, die unnötiges Leiden hervorrufen. Das Unrecht, das ich an mir erfahre oder das anderen geschieht, bedrückt mich. Die Leiden, Unterdrückung und Unrecht verursachende Zustände möchte ich ändern.

Die Tätigkeit des Denkens gewährt mir daher auch Vorteile. Weil ich nicht leiden möchte und auch nicht, daß andere leiden, muß ich darüber nachdenken, wie ich es überwinden kann. Da ich keinen direkten Einfluß auf das Innere anderer Menschen nehmen kann - ich weiß ja nicht, was in ihm vorgeht -, muß ich bei mir selbst anfangen. Ich weiß immerhin, daß ich ähnlich beschaffen bin wie die anderen. Ich kann mein eigenes Leiden nur überwinden, wenn ich die Ursache dafür abstellen kann. Wenn ich mein eigenes Leiden erzeugende Verhalten und Handeln von mir selbst oder anderer aufdecken kann, dann erst kann ich auf die Leiden anderer ein-wirken. Dann erst kann ich Leiden beseitigen, die außerhalb von mir selbst zu suchen sind. Wenn ich selbst gutleben will, muß ich auch wollen, daß andere gut leben können.

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Ich weiß etwas über das Leben, weil ich selbst lebe und Erfahrungen im Leben mache. Das Wissen allein daüber ist jedoch unbefriedigend. Durch Erfahrungen weiß ich jedoch nur bedingt, daß das Leben auch anders sein könnte. Weilich ein anderes, besseres Leben führen und es nicht dem Zufall überlassen möchte, lese ich sehr viel oder lasse mir von anderen viel erzählen. Zusammen mit meinen selbst gemachten Erfahrungen, weiß ich dann, warum mein Leben so ist und was ich tun muß, um ein anderes, besseres Leben als bisher zuführen. Doch warum gelang es mir bisher nicht? Muß ich auch künftig daran zweifeln, daß es mir gelingt?

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Daß die Hoffnung auf ein besseres Leben eine Illussion sein könnte, hängt vielleicht damit zusammen: Ich lebe in der Gesellschaft mit anderen Menschen zusammen und ich bin Teil dieser Gesellschaft. Um leben zu können, brauche ich die anderen. Aber brauchen die anderen mich? Ohne andere bin ich nichts. Allein deswegen muß ich mit ihnen auskommen.

Ich scheine jedoch aus der Welt der anderen ausgeschlossen zu sein. Ich in ihr weder gefragt noch werde ich in ihr beachtet. Manchmal bilde ich mir ein, es liegt an meiner Person, daß ich nicht besonders anziehend auf andere wirke. Doch da dieses Problem nicht nur bei mir vorhanden ist, ist dies kein individuelles, nur mein eigenes, es ist ein allgemeines Problem. Persönliche auf andere wirkende Sympathie, spielt natürlich eine große Rolle. Im Prinzip müssen wir uns damit abfinden, daß wir im Extremfall in dieser Gesellschaft nicht gebraucht werden. Der einzelne braucht jedoch menschliche Wärme und Zuneigung mehr als alles andere. Jeder sehnt sich nach einer Beziehung zu einem anderen, auch wenn eine solche hergestellt ist, mit dem Verlust von lieb gewordenen Freiheiten und Freiräumen gerechnet werden muß. Und doch: ich kann Wärme und Zuneigung nur dann wieder auf andere abgeben, wenn ich sie selbst zuvor erhalten habe.

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Eigentlich müßte es doch genug andere geben, die mich wollen, die einen Zugang zu mir finden möchten. Die gesellschaftlichen Strukturen so angelegt, daß sich die in ihnen lebenden Menschen gegenseitig im Wege stehen. Die Beziehungen der Menschen untereinander sind so unschaubar, daß daher kein Zugang zum anderen gefunden werden kann und daher auch der Weg verbaut ist, der auch zu mir oder zu anderen führen könnte.

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Meine eigenen Erfahrungen und mein eigenes Leiden verhelfen mir dazu, über die Erfahrungen und Leiden anderer nachdenken. Die so gewonnenen Erkenntnisse kann ich wirksam für mein eigenes Leben ein-setzen, ich kann mit ihrer Hilfe aber auch in das Leben an-derer eingreifen. Ich kann unnötiges Leiden verringern helfen. Ob es wirklich gelungen ist, ob es sich positiv oder negativ auswirkt, stellt sich erst im Nachherein heraus.

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Wir sollten uns vom Negativen nicht einfangen und einholen lassen. Das Negative hat uns sowieso, wenn wir nicht mehr existieren, d. h. dann, wenn der Tod an unsere Tür klopft. Wir müssen daher, wenn wir existieren wollen, uns notgedrungen an Positivem halten, es sei denn, es droht durch Negatives wieder zerstört zu werden bis hin zur Vernichtung allen Lebens und der Menschheit. Das in die Welt gestellte Individuum kann sich sogar für das Negative entscheiden, gegen sein eigenes Leben und für den Freitod. Entscheiden wir uns jedoch für das Leben mit entsprechenden positiven Zielen, d. h. für eins mit größtmöglichen Lebenschancen, ist es für unsere Existenz vernünftig. Um aber unsere positiven Ziele zu erreichen, müssen wir jedoch negativ auf die Welt einwirken. Die Welt ins Lebensdienliche umzuwandeln, ist mit schmerzlichen Eingriffen verbunden.

Wenn alles Leiden auf ein Minimum reduziert, wenn unserem Leben ein Sinn gegeben werden soll, brauchen wir ein "Wissen" darum, wie das "gute" Leben aussehen könnte. Wir benötigen einen "Halt", an dem wir unsere Vorstellungen vom "richtigen" Leben ausrichten könnten. Wir brauchen notwendigerweise eine Perspektive, eine Art "konkrete Utopie" zum Leben und Überleben, anhanddessen wir die unsere Existenz bedrohenden und vernichtenden Einflüsse abwehren könnten.

Eine solche zum besseren Leben uns führende Utopie läßt sich auch wiederum nur aus den Erfahrungen der Vergangenheit entwickeln, bestenfalls noch aus einem Vergleich unterschiedlicher Lebenslagen und Lebensformen verschiedener Lebensräume auf der Erde. Aufgrund der so gewonnenen Erfahrungen und Daten ließe sich eine Utopie entwickeln, nach es gelingen könnte, auf die Welt positiv einzuwirken. Ob jedoch eine solche Umsetzung sich wirklich positiv und nicht zerstörerisch im negativen Sinne auf das Zusammenleben der Menschen auswirken wird, werden wir immer nur im Nachherein oder wenn wir Ignoranten sind, gar nicht erfahren können. Wir "vermeinen" nur zu wissen, was sich positiv in der Welt auswirken könnte, wir können es nur subjektiv unser alltägliches Tun bewerten und das, was wir für "gut" halten bei einem Eingriff in diese Welt. Wir können viel wissen, aber das letzte Wissen und die letzte Sicherheit, daß die positiv oder negativ durchzuführende Maßnahme richtig ist, wird sich für uns auf ewig entziehen.

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Der Mensch muß alleine in seinem Leben mit seinen Problemen und mit seinen Sachen fertigwerden, obwohl er als gesellschaftliches Lebewesen auf seine anderen Mitmenschen angewiesen ist. Dennoch bleibt: der Mensch kommt alleine zur Welt und er legt sich auch wieder alleine zur Ruhe. In der Zwischenzeit sind aber die Menschen aufeinander angewiesen, obwohl ihre Beziehungen untereinander auf Sand gebaut sind und größtenteils auf Illussionen beruhen. Solange diese Tatsache nicht durchschaut wird, ist ja durchaus alles in Ordnung, denn das Leben läuft auch ohne Nachdenken über dieses Leben irgendwie weiter. Es kümmert niemanden, ob der Mensch ein richtiges oder falsches Leben führt. Wenn es auch ein brüchiges Gelände ist, auf dem das Zusammenleben der Menschen sich abspielt, wenn sie auch heute sicher darüberlaufen und morgen aber einbrechen, das Wahnwitzige ist daran, obwohl viele Menschen dessen auch bewußt sind, sich diese in diesem Zustand auch noch wohlfühlen. Die meisten Beziehungen, vor allem Liebesbeziehungen von Menschen müssen vor diesem wackligen Hintergrund in Augenschein genommmen werden.

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Ich kann mich auf Dauer nicht damit zufriedengeben, daß mein Leben auf Unwahrheit beruht oder ich ein Leben lang mit Illussionen verbringe. Ich habe dafür zuviel im Leben in positiver oder negativer Hinsicht erfahren. Diese Erfahrungen haben mich zumindest hinsichtlich offenkundig ausgeübter Ungerechtigkeiten sensibel gemacht. Ich möchte jetzt und hier leben, ich möchte das Leben genießen und ein schlechtes und oberflächliches Leben vermeiden. Wie weiß ich aber um das gute Leben. Ich weiß nur, daß ich gut leben möchte. Ich wünsche auch, daß andere Menschen gut leben können und ich weiß, daß es mir nur dann gut geht, wenn ich weiß, daß es den anderen Menschen auch gut geht.

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Es mag ja sein, daß es anderen Menschen nicht besser geht als mir selbst auch. Ich kann mich aber nicht damit abfinden, daß es mir (oder den anderen) schlecht geht. Daran sind wir nicht einmal selbst schuld, sondern die tradierten gesellschaftlichen Umstände. Es ist die allgemeine soziale und intellektuelle Lage, die es Menschen schwer macht, gut zu leben, auch diejenigen Menschen, die noch einen so guten Willen mitbringen. Ich würde gerne etwas für die Zuschlecht-Weggekommenen tun. Ich muß sogar dafür etwas tun, damit es mit auch gut gehen kann.

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Daß viele Menschen sich etwas vormachen, daß menschliche Beziehungen illussionär, auf Sand aufgebaut sind, daß manches wider besseres Wissen auf Lüge beruht, müssen wir, sofern wir dies überhaupt vertragen können, uns bewußt machen. Dieses uns etwas vormachen ist die Ursache für so viele Leiden auf der Welt und dafür, daß alles das, was nicht in den normalen festgelegten Alltagsablauf paßt, beiseitegedrängt wird. Die Verdrängungsmechanismen fangen bereits früh mit der frühen Erziehung als Kinder an. Durch die quasi anerzogene Über-Ich-Struktur wird unser späteres Verhalten internalisiert und tradiert.

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Die Ursachen der Mißstimmungen zwischen den Menschen oder zwischen den Menschen und mir sind darin zu suchen, daß jeder Mensch verschieden ist und auch nicht alle gleich vernünftig denken. Ich bin nicht wie die anderen und die anderen sind nicht wie ich, oder du bist nicht so wie ich. Und ich bin dir gegenüber nicht so wie die anderen, die du kennst. Auch du unterscheidest dich von deinen anderen Mitmenschen. Meine Vorstellungen und Erfahrungen sind nicht deine Vorstellungen und Erfahrungen und auch nicht die der anderen. Deine sind nicht meine und die der anderen. Sie können höchstens ähnlich sein aufgrund gemeinsamer Erfahrungen und Vermittlungen. Je länger zwei Menschen zusammen sind, desto eher und mehr Gemeinsamkeiten entstehen. Gemeinsame Erfahrungen, Erlebnisse und Vorstellungen können jedoch nie vom unterschiedlich Erfahrenen, Erlebten und Vermittelten abgetrennt und isoliert werden.

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Gefühlsmäßig empfinde ich immer irgendwie etwas Fehlendes innerhalb gewisser Freundschaften. Dieses Fehlende, diese Lücke treibt mich zu der Frage: Was ist das eigentlich, das ich vom anderen will. Die Antwort "nichts" wäre genauso falsch wie mein Verlangen nach ihr oder ihm, welches womöglich bis zur vollständigen Vereinnahmung des anderen gehen kann oder falls eine solche starke Zuneigung zum anderen besteht, diese wiederum bis zu meiner eigenen Selbstaufgabe gehen kann. Ich wünsche mir hingegen eine Freundschaft, keine falsche, eine, in der man sich nichts mehr vormachen muß. In ihr sollte man sich immer etwas gegenseitig zu sagen haben und daß sich nicht das Ausgesprochene an irgendwelche selbst gesetzten oder von außen auferlegten Grenzen verfängt.

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Es kann Zeiten geben, in denen sich Menschen untereinander eine Menge sagen müßten. Es ist ein fürchterliches Gefühl, wenn ich es nirgendwo anbringen kann, was ich zu sagen habe oder ich es nicht erfahre, was ich vom anderen gerne wissen möchte. Ich bin oft monatelang auf der Suche nach jemandem, mit dem ich wirklich einmal gründlich reden kann oder der mir nur einfach zuhört und mich ernst nimmt. In mir ist in diesen Zeiten der Suche ständig das Gefühl da, ich muß alles herunterschlucken, was sich in mir bewegt und auf mich herein-strömt. Es bleibt dann in meinem Inneren stecken und kann dann nicht mehr heraus. Es ist wie ein Abdrängen nicht verarbeiteter Tageserlebnisse ins Unter-bewußtsein. Da es ins Vergessene nicht wirklich abgleiten kann, arbeitet es weiter im Unterbewußtsein. Seelisch Unverarbeitetes rächt sich aber am eigenen Körper im psychosomatischen Sinne.

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Was das Alleinsein im Leben angeht, ist es ein Unterschied, ob ich erzwungenermaßen mein Alleinsein ertrage oder ob ich es freiwillig herbeiführe. Entscheidend für einen freiwilligen Entschluß, sich dem Alleinsein auszusetzen, kann darin bestehen, daß ich mich selbst finden oder mich selbst besser kennenlernen möchte. Zum Unterschied erzwungenen Alleinseins kann ich selbstgewähltes Alleinsein jederzeit abbrechen und ins Getümmel des Lebens mich zurückstürzen.

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Im allgemeinen Lebenszusammenhang der Menschen stellt Rationalität zunächst einmal über Denken und Sprache her. Ohne Ratio, ohne vernünftige Überlegung gäbe es für Menschen kein Überleben in der ihm unwirtlichen Natur oder Umwelt. Da in der empirischen Lebenswirklichkeit der Menschen immer schon so etwas wie rationales Verhalten gegeben hat und allein aus ihr im menschlichen Zusammenleben sich die eingespielten Gesetzmäßigkeiten und Normen herleiten lassen - allein der Gebrauch der Sprache erzwingt rationale Verhaltensweisen untereinander auf -, ist zu vermuten und zu hoffen, daß sich im Verlaufe der Menschheit verallgemeinerbare und universelle Prinzipien herausbilden und durchsetzen werden. Nur eine in diesem Sinne hergestellte menschliche Ordnung könnte uns von partikularistischen Interessen freimachen, von Kriegen, Not und mancherlei mehr. Damit es dazu kommen kann, bedarf es allerdings unerhörter Einsichten und Anstrengungen, vor allem angesichts des Hintergrundes, daß der Mensch fehlbar ist und er sich alles andere als rational verhält.

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Warum verhält der Mensch sich eigentlich so irrational? Wir müssen bedenken, die schließlich künstlich herbeigeführte rationalistische Struktur verdeckt und überlagert nur die irrationale biologische menschliche Natur. Das Vermögen des Denken und des Sprechens ist allerdings dem Menschen ureigen und unterscheidet ihm vom Tier. Er benutzt diese beiden als Mittel und Instrument, um die zunächst auf ihn einströmende chaotische und ihm irrational erscheinende Welt zu ordnen und sich in ihr mit ihrer Hilfe einzurichten und diese ins ihm Lebensdienliche umzuarbeiten. Jeder Mensch entwickelt dabei eine aus Erfahrungen gespeiste ureigene Rationalität. Für die Gestaltung seines eigenen Lebens sucht er aus den vielen konkurrierenden Gefühlslagen und Rationalitätsmustern das heraus, von denen er meint, diese seien gut und richtig und für ihn daher am geeignetesten.

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Der Mensch unterscheidet sich vom Tier dadurch, daß er sich frei für das Gute oder das Böse entscheiden kann, vorausgesetzt der Mensch weiß, was gut und was böse ist. Weil es keine vernünfige und absolut gerechte Ordnung unterhalb der Menschen gibt, ist es gerade dem Menschen aufgegeben, eine gute und gerechte Ordnung auf der Erde durchzusetzen. Der Mensch ist aber ebenso in der Lage, das absolut Böse zum Prinzip zu erheben und damit das Leben der Menschen auf der Erde zur wahren Hölle werden zu lassen. Einer vernünftigen Lebensweise gemäß lassen sich jedoch nur allgemeine und universale Prinzipien verwirklichen. Egoistische Interessen werden die Menschen nur dann zufriedenstellen, wenn sie ihre partikularen Ansprüche zum Allgemeinprinzip erheben und damit andere Ansprüche unterdrücken oder ihre Träger sogar vernichten wollen. Eine solcherart von partikularen Interessen beherrschte Gesellschaft ist jedoch nicht vernünftig. Es kann nur eine solche vernünftig sein, die unterschiedliche partikulare Interessen vermitteln kann.

Die entgegengesetzten Möglichkeiten, sich für gut oder böse entscheiden zu können, würden erst dann entfallen, wenn es gelänge eine Gesellschaftsverfassung herzustellen, in der es sinnlos wäre, gute oder böse zu handeln. Es würde das Streben nach einer solchen Gesellschaftsverfassung leichter fallen, wenn möglichst alle Menschen sich dazu entschlössen, ihre Handlungen danach auszurichten, ob sie vernünftigen Prinzipien, d. h. sie verallgemeinerbaren oder universalistischen entsprechen würden. Es wäre sogar schon ideal, wenn sich Menschen für Handlungen entscheiden würden, von denen sie zumindest meinen, diese wären gut. Denn mit ziemlicher Sicherheit kann niemand sagen, was eigentlich gutes Handeln ist.

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Von der Lebenswelt der Menschen läßt sich selbstverständlich nur das wiedergeben, was sich in Sprache fassen läßt. Das gilt auch für Auskünfte, die ich über mir selber und mein Innenleben machen will. Wenn ich behaupte, daß sämtliche Äußerungen meines eigenen Lebens hundertprozentig das widerspiegelt, was als meine eigene Lebenswelt bezeichne, so bezieht sich dies nur auf jenes, das sprachlich fassen läßt und meine eigene subjektive Welt bezeichnet. Innnerhalb dieser subjektiven Welt bin ich befangen und kann aus ihr nicht herausbrechen. Ich kann diese subjektive Welt nur erweitern versuchen mittels der Erfahrungen und Überlieferungen anderer Subjekte. Ein anderer Mensch wird mich auch nie hundertprozentig erfassen und wahrnehmen können, denn dieser stellt ein anderes Subjekt, ein anderes Ich dar mit einer anderen ihm eigenen Erfahrungs- und Lebenswelt. Wenn es nicht so wäre, dann wäre der andere ja mit mir identisch.

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Sich in die subjektive Welt anderer hineinzuversetzen, stellt eine Schwierigkeit vor allem für den Sozialwissenschaftler dar, wenn dieser versucht, aus allen subjektiven Äußerungen und Tätigkeiten eine objektive Wirklichkeit zu erfassen oder darzustellen. Er ist ja selbst Mitglied der Lebenswelt, die er untersucht und bleibt somit in ihr verhaftet und kann daher nicht mehr objektiv sein. Die Anstrengungen des Wissenschaftlers bleiben parteilich, da er Angehöriger der Lebenswelt ist. Sie gehen, wenn auch oft unbewußt, in die Ergebnisse seiner Forschung ein. Wenn er sich aber über die Parteilichkeit seiner eigenen Lebenswelt hinwegzusetzen versucht, dann gehört er der Lebenswelt nicht mehr an, die eigentlich untersuchen möchte und folglich kann er auch keine Aussagen mehr über ihr machen. Wenn er dennoch etwas Objektives über diese Lebenswelt erfahren möchte, dann kann ihm dies nur unvollständig gelingen oder vermittelt sich ihm bestenfalls in Form von Analogien. Je besser es ihm gelingt, in die von ihm untersuchte (meist nicht seine eigene, sondern oft fremde) Lebenswelt einzudringen, verstrickt er sich wiederum in eine subjektive Befangenheit, wenn er sich Teile der von ihm untersuchten Lebenswelt, z. B. Sprache aneignet. Wie der Wissenschaftler sich auch wendet und dreht, dieses Dilemma wird auch hermeneutischer Zirkel genannt, er aus ihm theoretisch nur dann herauskommen, wenn es ihm geographisch und zeitlich gelingt, einen zeitlichen Abstand zu gewinnen. Wenn es ihm auch nicht gelingt, aus dem Zirkel sich vollständig zu befreien, so kann er doch unterschiedliche Standpunkte und Perspektiven einnehmen, die ihn in die Lage versetzen, sich einerseits gedanklich in die andere Lebenswelt hineinzuversetzen, andererseits seine Untersuchungsergebnisse in praktischer Hinsicht daraufhin zu überprüfen, welche Folgen diese durch sein Eingreifen auf die Lebenswelt haben könnten.

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Nur aus einem Abstand heraus läßt sich eine bornierte Sicht des Lebens wieder zurechtrücken. Da in meinem Leben manches unbewußt abgelaufen ist oder ich es ins Unbewußte abgedrängt habe oder manches sich in mir mittels einsozialisierter Normen in mir verinnerlicht hat, werde ich über mir selbst als Person niemals völlige Klarheit gewinnen können. Die innerhalb einer Lebenswelt mit mir zusammenlebenden und daher mich auch kennenden und wahrnehmenden Menschen sind wahr-scheinlich besser und eher in der Lage, ein objektives Bild über meine Person zu gewinnen. Auf der anderen Seite vermag ich aus demselben Grund andere Menschen besser einzuschätzen einesteils aufgrund meiner eigenen subjektiv gewonnenen Erfahrung, andernteils nach Kriterien, die ich mir selbst gemacht habe oder die mir von anderen beigebracht worden sind. Dennoch kann ich am anderen Menschen nicht mehr kennenlernen wie sie den umlaufenden Normen, Werten oder anderen Maßstäben entsprechen und daran gemessen werden. Ich weiß deswegen vom anderen Menschen vieles, weil ich sein Leben mit meinem eigenen subjektiven Erleben und Empfinden vergleichen kann.

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Vielleicht hilft es, wenn ich die Welt in ein Reich der Notwendigkeit und in ein Reich der Freiheit aufteile. Allerdings werden wir den Übergang oder die Grenze beider Bereiche, da fließend, nie exakt bestimmen oder ausmachen können. Es ist allerdings allein das Reich der Notwendigkeit, das uns mittels der Ratio und des Denkens das Überleben in der Welt dauerhaft sichert. Das Reich der Notwendigkeit wird umso intensiver und dauerhafter zu Lasten eines Reiches der Freiheit in uns präsent bleiben, je mehr wir in diesem auf die Ratio verzichten. Denn das Reich der Freiheit, in dem erst das Kreative und Schöpferische des menschlichen Daseins ermöglicht wird, läßt sich nur auf der gesicherten Grundlage des Reichs der Notwendigkeit aufbauen. Mit der Möglichkeit und Hilfe der Ratio und des Denkens können wir dieses lästige Reich der Notwendigkeit gering und klein hal-ten, vollständig beseitigen werden wir es jedoch nie können.

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Die Konstruktion des bürgerlichen Staates ist die eines privatrechtlich geregelten und durch Garantie staatlicher Souveränität geschützten Verkehrs bürgerlicher Privatleute. Sie ist die Bedingung für eine kapitalistisch gesteuerte Wirtschaft. Das Privatrecht des bürgerlichen Staates sichert Freiheit, Gleichheit und Eigentum der Privatleute. Es beschützt die Produktion und Verteilung der notwendigen Lebensmittel, die der Mensch herstellt und austauscht und somit das Überleben in un-serer Gesellschaft ermöglicht.

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In dem Maße wie der Staat die partikularen Interessen der Individuen durch die Instrumente Macht und Herrschaft vermittelt, werden die Bedürfnisse der Wirtschaftssubjekte über einen anonymen Markt ausgetauscht in Form von Arbeitskräften, Waren (Güter und Dienstleistungen) und Geld (Kapital). Als verselbständigte Subsysteme greifen Staat und Wirtschaft massiv über die Steuerungsmedien Macht und Geld in den sozialintegrativen Berich der Lebenswelt ein. Eine so bezeichnete "Kolonialisierung der Lebenswelt" bricht immer mehr in uns vertraute Traditionsbereiche ein, in deren wir aufgewachsen sind und in deren wir auch unsere Werte und Normen erhalten haben.

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Es sind zwei entgegengesetzte Prinzipien, die innerhalb der Menschheit wirken. Es ist einmal das Lebensprinzip, das die Reproduktion und damit das Überleben der Menschen als Gattung ermöglicht. Das andere ist das Prinzip der Vollendung, innerhalb dessen der Mensch wird, sich entfaltet und sein Leben auskostet, bis es mit seinem individuellen Tod zur Neige geht. In der Psychoanalyse werden beide Prinzipien bezeichnet als Eros (Lebenstrieb) und Thanatos (Todestrieb).

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Es mag sein, daß es irgendeinen verborgenen Sinn im Leben der Menschen untereinander gibt oder überhaupt im Weltgeschehen. Trotz dieser denkmöglichen Annahme bleibt es mir bewußt, daß ich innerhalb meines Lebens diesen Sinn niemals erfahren kann und dies mir trotz verzweifelter Suche und vergeblicher Denkanstrengungen auch nicht gelingen wird. Gelänge dies irgendeinem Menschen, dann wäre dieser Gott. Eine solche Aussicht und Ohnmacht mag uns als hoffnungslos erscheinen angesichts der Aussicht, daß wir eine Erlösung oder eine Auflösung des Welträtsels nicht erhoffen dürfen. Was bleibt uns dann noch? Das einzige was wir tun können, ist, daß wir uns auf dieser Erde so gut wie möglich einzurichten versuchen, so daß wir imstande versetzt werden, ein lebenswertes und uns und anderen gegenüber verantwortliches Leben führen. Diese Überlegung soll uns als Trost gewissermaßen in die Lage versetzen aus einer gewissen Verzweiflung und Ni-hilismus herauszukommen. Eine Rettung oder Lösung kann nur aus mir selbst oder im Zusammenhang mit anderen Menschen erwachsen.

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Ich verstehe mich als Atheist. Einen "Gott" gibt es für mich nicht, "Gott" kann höchstens als ein Füllwort für etwas stehen, das uns unerklärlich ist und was wir nicht wissen können. Uns selbst bleibt der Sinn der Welt ewig verborgen. Einen gewissen Sinn auf dieser Welt können wir uns aber selbst geben, auf die Gefahr hin, daß unsere Sinnkonstruktion sich als falsch erweisen könnte. Dennoch sind wir in unserer Sinngebung auf uns selbst zurückgeworfen.

Wie vor allem innerhalb der Philosophie "Gott" als abstrakter Begriff alles das zu bezeichnen, was einerseits den Menschen dem Tier gegenüber hervorhebt und andererseits das Streben der Menschen nach "Gott-ähnlich-werden-wollen" oder nach Unsterblichkeit oder Überwindung des Todes ausdrücken soll. Man kann dies vielleicht auch schlichter und bescheidener als die "Sehnsucht nach dem Anderen" bezeichnen. Ein solcherart definierter Gottesbegriff, der sich vor allem in der Erlösungsreligion wiederfindet, kann durchaus auch von mir so akzeptiert werden. Das ist dann nicht der Fall, wenn vom "Gott" der Offenbarungsreligion oder vom "Gott" als ersten Beweger oder ersten Verursacher die Rede ist.

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Wörter wie "Liebe", "Versöhnung" oder "Freiheit" sind für mich lebendige positive Begriffe, keine leeren Abstrakta. Sie sind es wert, im Zusammenleben der Menschen angewandt und akzeptiert zu werden. Aber diese Ausdrücke sind nicht selbstverständlich angesichts einer Welt, in der negative Wörter wie "Unterdrückung", "Verzweiflung" und "Angst" vorherrschend sind und das Leben der Menschen unterdrücken. Trotzdem darf ich diese Ausdrücken nicht fliehen oder bestreiten, daß Menschen damit belastet sind und diese am eigenen Leib erfahren. Für mich bedeuten diese positiven und negativen Begriffe sehr viel, bleiben ambivalent. Denn es schwierig zu benennen, was mich eigentlich unterdrückt. Ich habe natürlich das persönliche Glück, nicht an der Unterdrückung zu leiden wie die Menschen im Mittelalter oder in der Dritten Welt.

Ich bin manchmal eher verzweifelt, zusammenhängende Tage manchmal, verbunden mit Angst. Ich habe natürlich Angst vor dem Tod, aber mehr ist es die Angst, die mich auf andere Menschen nicht zugehen läßt, die mir zu schaffen macht. Auf der anderen Seite frage ich mich, warum ich an der Angst und Verzweiflung nicht zugrunde gehen kann und immer wieder letztlich das Leben die Oberhand gewinnt. Und warum habe ich nicht immer Angst? Warum bin ich vielfach zuversichtlich und hoffnungsvoll gestimmt und versuche mein Leben und das der anderen ins Positive wendend, wohl wissend, daß letztlich am uns doch der Tod einholt? Ist das, was mich hochhält, vielleicht der Glaube ans Gute? Obgleich das Gute nie allgemein auftritt, sondern immer zusammen mit dem Bösen konkurrieren muß. Ist es der Glaube an mich selbst? Obwohl ich weiß, daß ich endlich bin und nur diese eine Leben vor mir habe.


HANS-JÜRGEN HANSEN - (Letzte Änderung: 5. 8. 2000)
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