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Versuch einer Interpretation des § 293 in Wittgensteins Philosophische Untersuchungen

1. Die Betrachtung des § 295 in Wittgensteins Philosophische Untersuchungen (PU) gibt mir den wesentlichen Schlüssel, Klarheit über die Privatsprache aber auch Klarheit in der Unterscheidung Objektwelt und Sprachwelt (sog. Zwei-Welten Theorie) finden zu können. Nach der Analyse dieses sehr wesentlichen Textes von Ludwig Wittgenstein ergibt sich für mich: a) es kann keine Privatsprache geben, b) es bestehen zwei Welten, wobei wir die eine, die objektive, wirkliche, unabhängig von unserem Bewußtsein existierende Welt nur mit Hilfe jener anderen Welt, die wir sprachlich erst konstituieren und darstellen, d. h. ins Bewußtsein bringen können Dies geschieht unvollkommen, wir erfahren immer nur einen kleinen Ausschnitt aus dieser um uns existierenden Welt. Die Aneignung dieser Welt, ihre Konstitution, kann nur mittels analoger Beispiele oder Bilder über Sprache erfolgen. Die dargestellte Welt kann quasi nur die Spitze eines Eisberges erfassen, mehr nicht.

2. Das von Wittgenstein gewählte Schachtelbeispiel mit dem Käfer hat nichts anderes zu bedeuten, als daß in der Person des Anderen. nicht hineingesehen werden kann. Noch kann aus seiner Erzählung, aus seiner Darstellung, entnommen werden, wie oder ob er wirkliche Dinge oder Gegenstände, Tatsachen oder Sachverhalte sieht oder sich denkt. Nur aus eigenem Erleben und meinen eigenen Vorstellungen entsprechend, kann ich analog entnehmen, wie sich in anderen Personen in etwa die gleichen Prozesse abspielen.

3. Nur mit Hilfe einer Verständigung, mittels der Sprache, kann ich doch einigermaßen wirklichkeitsgerecht erfahren, wie andere, wie ich selbst, sich die wirkliche Welt denken, Zusammenhänge in ihr erblicken und sich ein Bild von ihr machen. Über die Sprache wird eine Art Sprachwelt konstituiert, die auf kommunikative Übereinstimmung beruht. Und weil die Sprache in einem bestimmten Kontext gebraucht, verwendet wird, bringt Wittgenstein den Begriff "Sprachspiel" ein. Die Sprachspiele sind für Wittgenstein gleichsam "Vergleichsobjekte, die durch Ähnlichkeit und Unähnlichkeit ein Licht in die Verhältnisse unser Sprache werfen sollen" (§ 130 PU)

4. Wittgenstein fragt in § 295: Kann man verallgemeinern, z. B. in dem Fall, wo ich sage, ich weiß nur vom eigenen Fall, was das Wort "Schmerz" bedeutet? Wenn ich das von mir sagen kann, muß ich dann nicht auch bei einem Anderen wissen können, was er meint, wenn er sagt, er habe Schmerzen" Um diese Frage beantworten zu können, bringt Wittgenstein eben das Käferbeispiel in der Schachtel.

5. Nach Habermas (Erkenntnis und Interesse, S.196) können "Bedeutungen, die ja an Symbolen festgemacht sein müssen, niemals in einem strengen Sinne privat (sein); sie haben stets intersubjektive Geltung". Der semantische Gehalt einer Lebensäußerung, die sich beispielsweise hier als eine Schmerzäußerung darstellt, erhält ihren Stellenwert nur in einem auch für andere Subjekte geltenden Sprachsystem (ebd.). Die Lebenserfahrung des einen baut sich in Kommunikation mit anderen Lebenserfahrungen auf (ebd.).

6. Wittgenstein wendet sich nicht dagegen, daß es unbedingt eine "Privatsprache" geben könnte. Er hält diese nur für irrelevant, weil diese wie Dinge, die nicht in Vorschein treten, auch keine sprachliche Relevanz erhalten uns sich daher auch nicht sprachlich äußern. Über Dinge, die nicht sind, kann man sich auch nicht unterhalten. Das ist wie mit der leeren Schachtel, die keinen Käfer enthält. Da keiner die Möglichkeit hat, dem anderen in die Schachtel hineinzusehen, kann ich aber so tun, als ob wirklich einer enthalten wäre. Da es mir nicht möglich ist, folgende sprachliche Äußerungen, wie "Ich habe Schmerzen" oder "In meiner Schachtel ist ein Käfer" des Anderen nachzuprüfen, bin ich gezwungen, die sprachliche Ebene von der wirklichen Ebene zu trennen.

7. Ich kann mir selber nur durch analoge Bilder und Benennungen,, aus meiner Vorstellungswelt, die wiederum auf Erinnertem, Erfahrenem und Mitgeteiltem beruhen und die ich wiederum mit jenen sprachlichen Symbole besetze, über die in einem kommunikativen Prozeß schließlich Einigkeit erzielt worden sind, einen Reim daraus machen, daß das mir gegenüber Geäußerte auch tatsächlich mit der Wirklichkeit übereinstimmen könnte.

8. Selbst wenn das Geäußerte mit der Wirklichkeit übereinstimmt, muß immer noch von einer Trennung der Sprachwelt von der Objektwelt ausgegangen werden. Die Übereinstimmung kann ich nämlich nur bei mir selbst feststellen, aber nie bei anderen. Der Andere teilt mir nur seine, in Sprache gefaßte, Welt mit. Er gibt mir die objektive Realität in seiner subjektiven Sicht wieder. Und wenn der Andere mir etwas mitteilt, schwingt bei seiner Mitteilung, aus seiner subjektiven Sicht von der objektiven Wirklichkeit, wiederum analog gesehen, meine eigene subjektive Sicht von der Wirklichkeit mit. Ich sehe seine, mir mitgeteilte, empfundene Wirklichkeit mit meinen Augen, entsprechend meiner Vorstellungswelt. (Man denke nur an die Beschreibung eines Zimmers, die mir mitgeteilt wird, und ich mache eine Zeichnung danach. Ich vergleiche dann die Zeichnung mit dem, vorher nicht gesehenen, wirklichkeitsgerechteren Photo von diesem Zimmer.)

9. Wittgenstein kommt es darauf an, daß die mitgeteilte Äußerung einem Gebrauch dient. In § 138 PU heißt es: Die Bedeutung des Wortes ist der Gebrauchź Und in § 132 PU: "Wir wollen in unserm Wissen vom Gebrauch der Sprache eine Ordnung herstellen: eine Ordnung zu einem bestimmten Zweck". Noch deutlicher wird Wittgenstein im § 491 PU: "Ohne den Gebrauch der Rede und der Schrift könnten sich Menschen nicht verständigen" und "Ohne Sprache können wir andere Menschen nicht so und so beeinflussen".

10. Das Sprachspiel findet in einem bestimmten Kontext statt. Im Kontext eines Lebensraumes, in einer bestimmten Umwelt, in einem System eingespielter Normen. Es findet im Sprachspielraum eine Interaktion statt zur Verständigung der Individuen oder der Subjekte untereinander, die sich in einem bestimmten Kontext und innerhalb bestimmter eingespielter Normen bewegen. Das Mittel zur Verständigung ist die Sprache bzw. der Gebrauch der Sprache in einem bestimmten Kontext. (Die Sprache, die in einem Land gesprochen wird.) Der Sprachgebrauch regelt sich innerhalb eingespielter Normen. (Die Grammatik, der Aufbau und die Verwendungsart einer Sprache.) Der Begriff "Sprachspiel" soll hervorheben, daß das Sprechen oder die Verwendung (der Gebrauch) einer Sprache ein Teil einer Tätigkeit ist oder eine bestimmte Lebensform darstellt. Das Sprachspiel ist also keine Spielerei, sondern steht durchaus in Bezug zu einem pragmatischen Kontext.

11. Sprachliche Äußerungen, Benennen der Dinge, Feststellen von Tatsachen, die sprachlich im Zusammenspiel der Subjekte also in einem Sprachspiel entstanden sind, haben jedoch nur dann einen Sinn und stellen auch ein Abbild der Realität dar, wenn diese sich im Gebrauch, in der Wirklichkeit bewähren. D.h. also, daß in der Interpretation des § 492 PU bei Wittgenstein, die Vorrichtung Sprache nur dann Sinn hat, wenn sie (in Übereinstimmung mit den Naturgesetzen zu einem bestimmten Zweck erfunden wird.

12. Wittgenstein bestreitet in § 295 PU, daß das Wort "Käfer" derjenigen Leute, die den Inhalt in der Schachtel so benennen, einen Gebrauch hätte. Zur Bezeichnung eines Dinges wäre das Wort nicht geeignet. "Das Ding in der Schachtel gehört überhaupt nicht zum Sprachspiel", auch nicht als Etwas, denn die Schachtel könnte ja leer sein. Ebenso wie es möglich wäre, daß ein anderes Ding, etwa ein Schmetterling in der Schachtel enthalten wäre. Deswegen kann der Gegenstand und seine Bezeichnung ruhig als irrelevant aus der Betrachtung herausfallen.

15. Wir müssen immer wieder ins Bewußtsein rücken, daß eine Wirklichkeit unabhängig von uns existiert, unabhängig vom Bewußtsein der Subjekte. Im ganzen Streit zwischen Idealisten und Realisten geht es darum, wie diese Wirklichkeit uns zugänglich und bewußt gemacht wird und darüberhinaus dargestellt werden kann. Nur mittels der Sprache, die in unserer Auseinandersetzung mit der Matur, in unserer Tätigkeit als arbeitende Menschen, zum Zwecke des Überlebens, als kommunikative Praxis, als Interaktion untereinander entstanden ist, können wir die Wirklichkeit ins Bewußtsein setzen und auch benennen. Wir würden sonst nur blind und bewußtlos existieren, aber als ein Teil dieser Wirklichkeit.

14. Eine Schwierigkeit dabei ist, daß es Wahrnehmungen und Empfindungen gibt, die sprachlich schwer einlösbar sind. Man denke an bestimmte Gefühle, an Emotionen oder an Dinge in der Natur, die in einem bestimmten Verhältnis zueinander stehen, die z. B. als schön empfunden, aber sprachlich nur schwer benannt werden können. Da bleibt nur, im Leser oder im Hörer die Asszoziationen zu wecken, die ihm durch analoge Bilder, Gefühle und Emotionen vermittelt wurden.

Hans-Jürgen Hansen

Hamburg, im Oktober 1979


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